Ein bisschen funktioniert dieses Buch wie das Märchen von Hase und Igel. Da hat der stolze Christoph Kolumbus nach zehn langen Jahren 1492 endlich Königen Isabella von Kastilien rumgekriegt, ihm eine Expedition ins Unbekannte zu bezahlen, hat mit ungläubigen Seeleuten gerungen und letztlich die Neue Welt entdeckt. Doch nach und nach tauchen aus dem Dickicht der Vergangenheit die Igel auf und rufen: „So neu ist die gar nicht!“
Der Wissenschaftsjournalist René Oth hat diesen Igeln ein ganzes Buch gewidmet. Er zählt wie in einer Stampede all jene auf, die schon früher ihren Fuß auf amerikanischen Boden setzten. Manches bleibt noch unklar, aber nach der Lektüre dieses spannend geschriebenen Wissenschaftskrimis ist der Inhalt aktueller Schulbücher gänzlich unverständlich. Alles deutet daraufhin, dass Kolumbus sehr genau wusste, wohin er aufbrach, dass er sogar eine exakte Karte besaß, über die man nur aus Vorsicht vor religiösen Eiferern Stillschweigen bewahrte.
Dass Wikinger um das Jahr 1000 von Grönland kommend einen Stützpunkt an der Nordspitze Neufundlands anlegten, ist heute Allgemeingut. Doch wichtige Indizien deuten daraufhin, dass sie nicht die ersten waren. Versprengte römische Handelsschiffe gelangten wohl bis nach Südamerika. Schon vor 3000 Jahren segelten die Phönizier bis nach Mittelamerika und lösten dort womöglich eine kulturelle Blüte aus. Sprachverwandte Wörter, der Pyramidenbau und ähnliche Mythen deuten darauf hin. Auch von China und aus dem reichen Königreich Mali in Westafrika könnten Reisende den Doppelkontinent besucht haben, daneben frühirische Missionare. Die Ozeane erweisen sich damit nicht als trennende Wasserwüsten, sondern als frequentierte Verkehrswege.
Doch Oth greift in seiner chronologischen Darstellung noch weiter aus. Mit immer neuen, teils erst 2005 veröffentlichten Erkenntnissen zeigt er, wie sich die Anthropologie in den letzten Jahren von der These verabschiedete, Amerika sei vor 12 500 Jahren „nur“ von Sibirien besiedelt worden. Weitaus ältere Funde u. a. aus Patagonien weisen den Weg zu verschiedenen Einwandererströmen, die wohl vor 25 000 bis 30 000 Jahren teils über das Meer kamen. Modernste Erbgutanalysen sind dabei inzwischen so präzise, dass sich die Abstammung der amerikanischen Urbevölkerung bis auf einzelne Individuen zurückverfolgen lässt, die teils aus Sibirien, teils aus dem europäischen Osten stammten. Die Geschichte Amerikas wird damit vom isolierten Abenteuer zum Teil einer umfassenden Weltgeschichte.