Kategorie: Fundstücke

Ortstermin im Untergrund

 

Ohne seine Unterwelt hätte es Neapel nie gegeben. Davon ist die Archäologin Leoni Hellmayr nach einem Ortstermin überzeugt. Riesige Steinbrüche im Boden unter der heutigen Großstadt lieferten schon den alten Griechen den stabilen Tuffstein für ihre Häuser fast zum Nulltarif. Später nutzten die Römer die Hohlräume als Wasserleitung und bauten ein Theater hinein, das sich noch heute im Keller eines Wohnhauses besichtigen lässt. Doch auch andere Metropolen überraschen kundige Besucher nicht nur an der Oberfläche. Hellmayr ließ sich begeistern und hat Wahrheit und Mythen aus dem Untergrund in einem aufschlussreichen Lesebuch zusammengetragen. In New York etwa gilt nicht ein neuer Wolkenkratzer als das wichtigste Bauvorhaben für die Zukunft der Stadt, sondern der gewaltige Tunnel No. 3. Er soll nach 50 Jahren Bauzeit ab 2020 mit einer Länge von 97 Kilometern die marode Wasserversorgung aus dem frühen 20. Jahrhundert ersetzen. Sechs Milliarden Dollar lässt sich die Stadt das kosten. Moskau protzt derweil mit seinen imposanten Metro-Stationen, Köln plant „down under“ die größte Archäologische Zone Europas und Tokio schützt sich mit dem größten Drainagesystem überhaupt vor Erdbeben und Tsunamis. In Montreal wurde gleich ein Teil der Stadt selbst mit Geschäften, Bars und Kinos in den Boden verlegt, wo es auch bei -30 Grad im Winter noch mollig warm ist. Wer nur zum Lachen oder Kartoffeln holen in den Keller geht, der könnte also mancherorts überrascht werden.

Leoni Hellmayr, Unter dem Asphalt. Was unter den Metropolen der Welt verborgen liegt,  Konrad Theiss Verlag Stuttgart 2014, 192 S. 16,95 Euro