Kategorie: Fundstücke

Radfahren, wo andere schießen

Von: Martin wein

„Smell the jasmin and taste the olives“, begrüßt der Mobilfunk-Netzbetreiber Fredy Gareis im Westjordanland. Dafür bleibt auf der stark ansteigenden Straße nach Nablus freilich wenig Zeit, da zwar ausnahmsweise nicht der Nahostkonflikt, dafür aber schlingernde Lastwagen und wild überholende Minibusse das Leben bedrohen. Der ehemalige Nahost-Korrespondent ist mit einem alten  Fahrrad – für 90 Euro bei Ebay ersteigert – vier Monate lang unterwegs von Tel Aviv nach Berlin, um endlich einmal nicht über das Leben anderer zu berichten. Untrainiert wie er nach eigener Einschätzung ist, macht der End-Dreißiger auf der rund 5000 Kilometer langen Route oft genug Pause, um die Bewohner der aktuellen und ehemaliger Konfliktregionen im Nahen Osten oder auf dem Balkan nach ihren Geschichten zu fragen. Er trifft den schwulen Faris in Ramallah und trinkt in Jordanien Tee mit dem aufgedrehten Obsthändler Saddam Hussein. Er wird von Palästinensern beraubt und von israelischen Soldaten angeschnauzt, hört in Bosnien Witze über Slowenen und in Slowenien solche über Montenegriner. Seine manchmal etwas flapsig formulierte Reportage wird mit diesen Beobachtungen insgesamt zum sehr unterhaltsamen Roadmovie mit vielen Einblicken in die jüngste Vergangenheit.

Fredy Gareis, Tel Aviv – Berlin. Geschichten von Tausendundeiner Straße, Malik Verlag München 2014, 285 S. 19,99 Euro