Kategorie: Fundstücke

Romantisches Portrait der großen Naturräume

Von: Martin Wein

Die BBC-Serie „Planet Erde“ zeigt mit aufwendigster Technik eine untergehende Welt – jetzt auf DVD

In 80 Tagen um die Welt – Jules Vernes Vision wurde im späten 19. Jahrhundert zum Ansporn vieler Globetrotter. Heute macht der Flugverkehr fast jeden Ort der Erde binnen 24 Stunden erreichbar. Und selbst die Antarktis kann man mit dem Luxus moderner Kreuzfahrtschiffe aufsuchen, wenn das nötige Geld auf dem Konto liegt.

Von den großen Naturräumen des Planeten sehen die wenigsten Reisenden aber mehr als ein paar Lehrpfade und Aussichtspunkte. Wer die Erde noch einmal ohne Menschen in ihrer ganzen Vielfalt betrachten möchte, der kauft sich am besten die Doppel-DVD „Planet Erde“. Mit dieser Dokumentationsserie erreicht die britische BBC den Höhepunkt ihrer bisherigen Produktionen. In elegischen Bildern führen die ersten fünf Folgen von Pol zu Pol. in Berg-, Wasser-, Wüsten- und Höhlenwelten.

Produzent Alastair Fothergill wird dafür in den Feuilletons gefeiert wie ein Pop-Star. Die Erde selbst wird in seinen Aufnahmen zum eigentlichen Star des Abends. Modernste Aufnahmetechnik erlaubte es, Tiere aus großer Höhe mit dem Helikopter oder Heißluftballon zu verfolgen. So entstanden bislang unmögliche Aufnahmen, etwa die komplette Jagd eines Wolfsrudels. Oder die Zuschauer beobachten den Überlebenskampf der Wüstenelefanten Namibias und die Kamera fährt zurück in den Weitwinkel-Bereich und zeigt die Unendlichkeit der lebensfeindlichen Wüste. Krokodile reißen dagegen am Mara-Fluss in Ostafrika Gnus in vielfacher Zeitlupe, so dass aus dem dramatischen Schauspiel fast eine surreale Inszenierung wird, bei der noch der letzte aufspritzende Wassertropfen sichtbar wird.

Die Filme sind damit ein sehenswertes Portrait der großen Naturräume, die immer weiter zusammenschmelzen. Von vielen der gezeigten Arten gibt es nur noch wenige Exemplare in freier Natur, was man bei dem Fehlen jedes Zauns, Windrades oder Hauses in den Aufnahmen so zunächst kaum glauben mag. Bei aller Schönheit ist „Planet Erde“ mithin keine realistische Bestandsaufnahme, sondern eine Ode an die Natur, eine romantische Komposition wie die Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs. Viel kann am Ende dieser Serie, die im kommenden Jahr fortgesetzt werden soll, nicht mehr folgen. Man wird sich anschließend wieder darauf zurückziehen müssen, kleine Geschichten zu erzählen, den Tieren intensiv nachzuspüren, anstelle sie für einige Minuten aus der Luft zu begleiten. Doch für den Globetrotter ist „Planet Erde“ eine wunderbare Ersatzdroge. Und wenn der Riesenschwarm der Wanderheuschrecke über das Land herfällt, ist man sogar froh über die sterile Welt des Wohnzimmers, in dem allenfalls eine Stubenfliege ihr Unwesen treibt.