Kategorie: Fundstücke

Russisches Kopfkino

Von: Martin Wein

Eisige Winter, wortkarge Männer und zum Trost einen Wodka mehr als nötig – über Jahre haben Klaus Bednarz und Gerd Ruge in ihren obligaten Weihnachts-Reportagen für die ARD dieses Russland-Bild verfestigt. Ähnlich markant posiert auch Tagesspiegel-Redakteur Jens Mühling auf dem Buchtitel seiner Reisereportage „Mein russisches Abenteuer“ als einsamer Autofahrer in der verschneiten sibirischen Taiga. Allerdings sucht der Mitt-Dreißiger zwischen Kreml, Kaukasus und Kamtschatka in leichteren Tonfall und mit deutlich weniger Pathos als seine Kollegen nach den „wahren Geschichten“ des neuen Russland und der übrigen ehemaligen Sowjet-Republiken. Elegant verknüpft er die Schauplätze seiner einjährigen Erkundungen mit der russischen Geschichte und deren Protagonisten und beobachtet, wie sie die Gegenwart prägen. Mit den Bewohnern eines Blindenheimes tastet er im Kiewer Höhlenkloster nach Reliquien. Er trifft einen Nationalisten, der Lenin-Statuen die Nase abschlägt und besucht eine Frau im Wald, die von den Verwirrungen der Geschichte nichts wissen will. Das Ergebnis ist informatives Kopf-Kino vom Feinsten.  

Jens Mühling, Mein russisches Abenteuer, DuMont Buchverlag Köln 2012, 351 S. 19,99 Euro