Kategorie: Fundstücke

Sitzfleisch für Afrika

Von: Martin Wein

Mit dem Flieger sind es kaum 12 Stunden bis Kapstadt. Außer ein paar Videos bekommt man allerdings wenig zu sehen. Warum also nicht über Land reisen, zumal die Ticketpreise für Flüge bald steigen werden? Zwei junge Journalisten haben es ausprobiert.

Einfach sitzen bleiben bis zur definitiven Endstation. Mit dieser Zielvorgabe stiegen Dorothee Wolter und Niels Boeing mit zwei Rucksäcken im Bahnhof Hamburg-Dammtor in einen ICE ein und erst fünf Monate und 21 000 Kilometer später in Kapstadt aus dem letzten Leihwagen wieder aus. Im Zeitalter der Billigflüge wird eine solche ausführliche Landbereisung für Globetrotter ohne extreme körperliche Herausforderungs-Gelüste zum Alleinstellungsmerkmal. Augenzwinkernd und bisweilen einigermaßen respektlos mit vielen Bezügen zur Pop-Kultur erzählen die Autoren im Stil eines weblogs, was sich in der Zwischenzeit am Straßenrand und Gleiskörper zuträgt. Sie pellen ein Ei im Herzen Beiruts, berauschen sich auf dem Sinai an einer Wasserpfeife, unternehmen einen Weihnachtsspaziergang im äthiopischen Rift-Valley, erleben in Nairobi die Jagd auf einen Straßendieb und schwitzen auf einer Dhau nach Sansibar. Dieses moderne Nomadentum mit seinen Stippvisiten, kann „den beschränkten Horizont des Westlers“ allerdings nicht wirklich aufreißt, auch wenn das Vorwort es verheißt. Die globalisierte Welt erscheint aus der wahrlich bewegenden Sichtweise der Autoren zumindest weniger durch Staatengrenzen getrennt als durch den persönlichen Blickwinkel. 

 
Niels Boeing, Dorothee Wolter, 21 000 Kilometer oder die Kunst, sitzen zu bleiben, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2007, 249 S., 8.90 €

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