Am 6. Oktober 1889 standen der Leipziger Geograph Hans Meyer, der Österreicher Ludwig Purtscheller und ihr Bergführer Yohani Kinyala Lauwo nach zwei vergeblichen Versuchen auf dem höchsten Punkt des damaligen deutschen Territoriums. Kaiser Wilhelm Spitze nannte Meyer den 5895 Meter hohen Gipfel des Kilimandscharo. „Dem ,dunklen Afrika’ auf einmal als einer Welt alpiner Erhabenheit zu begegnen, das stellte so ziemlich alles auf den Kopf, woran eine eurozentrische Weltsicht Jahrhunderte lang geglaubt hatte“, schreiben Christof Hamann und Alexander Honold. Die zwei Flachland-Germanisten haben der Faszination der Deutschen für den Schneeberg Afrikas eine geschmackvolle literarische Erkundung gewidmet. Von der Suche nach der Nilquelle und den legendären Mondbergen arbeiten sie sich zu den Besteigungsversuchen, zu kolonialen Träumen, populärer Verarbeitung des Themas um das Jahr 1900 und dem Ende weißer Herrschaft in Ostafrika vor. Den Autoren geht es nicht um technische Details der Besteigung oder „Eroberung“. Mit einer Vielzahl von Zitaten aus zeitgenössischer Reise-Prosa, mit historischen Schwarzweiß-Fotografien und Stichen spüren sie der Tonlage jener Tage nach, ergründen, was die Gipfelstürmer motivierte, was sie am Berg suchten und was sie fanden. Das Buch ist kein postkoloniales Lamento. Es erschließt vielmehr beispielhaft die Wurzeln jener Reiseromantik, von deren Verheißungen die Tourismusindustrie bis heute lebt.
Christof Hamann, Alexander Honold, Kilimandscharo. Die deutsche Geschichte eines afrikanischen Berges, Verlag Klaus Wagenbach Berlin 2011, 189 S. 22,90 €
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