Kategorie: Fundstücke

Zwei Käuze entdecken die Welt

Von: Martin Wein

Daniel Kehlmann über einen der größten Abenteurer der Moderne und über einen anderen, der zu Hause blieb.

Theorie und Praxis – zwei Seiten einer Medaille. Der eine geht in die Welt hinaus, der andere verschließt sich zum Rechnen im Kämmerlein. Zu Erkenntnissen gelangen beide und unterscheiden sich damit vom drögen Rest der Menschheit. Wie einsam es deshalb an der Spitze der Wissenschaft werden kann, das beschreibt Daniel Kehlmann in seinem wunderbaren kleinen Roman „Die Vermessung der Welt“ über Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.

Oberflächlich gesehen hat der erst 30jährige Kehlmann in kühnen Strichen eine Doppelbiographie aufs Papier geworfen, knapp im Umfang und trotzdem reich an prächtig ausstaffierten Szenenbildern. Humboldt und Gauß machten sich Ende des 18. Jahrhunderts an die Erschließung des Planeten, der eine mit Fundstücken, der andere mit Formeln. Und obgleich sie vom Naturell völlig unterschiedlich waren, lernten sie in hohem Alter den Wert des anderen schätzen.

Kehlmann hat für sein Buch ausführlich recherchiert. Den Anspruch auf Vollständigkeit trägt er dennoch an keiner Stelle seines Werkes vor sich her. Statt geschwätzige Allwissenheit zu zelebrieren, lässt er seine Protagonisten selbst in vielen Dialogen zu Wort kommen und suggeriert damit eine neutrale Erzählposition. So setzt er Humboldt mitten im Amazonas-Gebiet in ein Kanu. Seine Begleiter verlangen nach Geschichten zur Abwechslung: „Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein. Alle sahen ihn an. Fertig, sagte Humboldt.“

Geradezu hinterhältig schleicht sich die Ironie in Episoden wie diese ein, wird der Mythos vom unerschrockenen Abenteurer einerseits und dem mathematischen Alleskönner andererseits liebenswert relativiert. Das Ende kommt, als Gauß Sohn Eugen in die neue Welt aufbricht. Ein Sinnbild dafür, dass kein Gelehrter je die Grenzen des Wissens erreichen kann.

Kehlmann holt die Größen der deutschen Aufklärung auf eine Augenhöhe mit dem Publikum. Es bleiben zwei Käuze, genial auf ihre Weise und zeitlebens auf der Suche nach Erfüllung, der eine selbstverliebt, fast aufgeblasen, der andere menschenscheu und oftmals undankbar. Nach der Lektüre glaubt man sie besser zu kennen als den eigenen Mathelehrer, ja man liebt sie genauso wie dieses Kleinod deutscher Gegenwartsliteratur.

 

Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt 2005, 301 Seiten, 19,90 Euro

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Kehlmann: Die Vermessung der Welt