Kategorie: Hebriden, Europa

Großbritannien: Am rauhen Ende Europas

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Die „Outer Hebrides“: Wo die Tiefdruckgebiete zuhause sind. Wandern, Staunen und Schlafen unter Schafen.

Heute ein Museum: Noch vor 30 Jahren saßen im Arnol Black House die Menschen

Robinson hätte seine Freude gehabt. Hellweißer flacher Sandstrand soweit die Sicht reicht, dahinter türkisblaue, ruhige See, die erst weit draußen eine dunkle Farbe annimmt. Und außer dem misstrauischen, majestätisch gehörnten Bock in den Dünen ist niemand zu sehen weit und breit  Nur die Wassertemperatur kühlt die Idylle: Viel mehr als 12 Grad schaffen die schwachen Ausläufer des Golfstromes in diesen Breiten nicht.  Wir sind schließlich nicht in der Karibik, sondern auf den Äußeren Hebriden, jenem schmalen Band aus uraltem Lewis-Gneis, das sich als schützendes Sperrwerk auf einer Länge von rund 210 Kilometern vor der nordwestschottischen Küste der kraftvollen Dünung des freien Atlantik entgegenstemmt.

Der Platzhirsch im Schafspelz: Wer ihm nicht passt, wird auf die Hörner genommen.In den letzten Jahrzehnten hat sich manches geändert in diesem einsamsten Winkel des britischen Königreiches. Erst vor 30 Jahren verließen die letzten Familien ihre „black houses“, niedrige Torfhütten, die mit schweren Steinen verstärkt und mit Stroh isoliert waren. Heute lebt man im Fertighaus, shopt in Versandhauskatalogen und holt sich die Welt via TV in die gute Stube. Ein einsames Leben führen die knapp 30.000 gälisch sprechenden Hebri-dians auf den zwölf bewohnten Inseln dennoch. Ein Leben, das man im Europa des dritten Jahrtausends kaum erwarten sollte. Wer außerhalb von Stornoway lebt, das sich mit seinen 8 000 Einwohnern stolz Hauptstadt nennt, der muss froh sein, wenn er einen bescheidenen Laden in erreichbarer Nähe hat. Und wer nicht in der Verwaltung oder Fischerei einen Job hat, der verdient sein Geld wie die Weber des 19. Jahrhunderts in Heim- und garantierter Handarbeit mit der Herstellung des berühmten Harris-Tweeds. Die Wollieferanten mit den putzigen schwarzen Köpfen leben gleich vor der Haustür und haben die Erfindung des Au-tomobils scheinbar nicht mitbekommen, sprich immer Vorfahrt.