Kategorie: Europa

Schweiz: Auf der Suche nach der gemessenen Zeit

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

La Chaux-de-Fonds ist keine Schönheit, aber Weltkulturerbe. Die ganze Stadt in den Westschweizer Bergen entstand für die Uhrenindustrie und präsentiert sich ziemlich zeitgemäß.

Hunderte wertvolle Exponate im Internationalen Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds zeigen, was die Stunde geschlagen hat.

Entschuldigen Sie Madame, wenn ich Ihre Zeit beanspruche. Und Monsieur schaut auch schon fahrig nach seinem Chronographen mit dem stummen Stoßgebet, dieses Traktat möge nicht unnötig Zeit kosten. Zeit ist Geld – und tick, tick, tick rast sie dahin. Nicht einmal absolute Herrscher vermögen sie aufzuhalten, weshalb in den Reihen der Uhrmacher auch der Anarchismus entstand. Aber langsam. Wollen Sie nicht wissen, woher es kommt, dieses ewige Ticken um uns herum – am Handgelenk, auf dem Bahnsteig und im Küchenradio, das ein Durchschnittsleben in 29 200 Tage, 700 800 Stunden, 42 048 000 Minuten bzw. 2 522 880 000 Sekunden unterteilt – oder auch deutlich weniger oder ein bisschen mehr? Puh, so wenig! Da wird es aber Zeit.

Folgen Sie mir – Madame, Monsieur – daher auf der Suche nach Antworten ohne Umschweife in den Westen der Schweizer Eidgenossenschaft, an die Grenze zur Republique française. „Kommen Sie nicht zu spät“, hatte Claudine Buehler schließlich noch gewarnt bei der Verabredung unseres Treffens, „das mögen wir hier gar nicht.“ Wir, das sind die Menschen im Schweizer Jura, aber besonders die 38 000 Einwohner von La Chaux-de-Fonds, die auf 1000 Metern in einer der höchstgelegenen Städte Europas oftmals ziemlich kalten Wintern und wahren Schneebergen trotzen.

Claudine Buehler ist eine von ihnen. Sie führt Gäste durch ihre Stadt mit den abgmessen geraden Straßen im Schachbrettmuster und der längsten Verkehrsschneise auf dem Kontinent nach der Champs Élysées. Sehen Sie – Madame, Monsieur – nach dem großen Brand wurde die Stadt in den 1830ern vom Kantonsingenieur Charles-Henri Junod am Reißbrett geplant, später mit viel Jugendstil ausgebaut. Die geraden Straßen erleichtern das Scheeräumen und lassen möglichst viel Licht in alle Häuser. So entsteht ein urbanes Zentrum für Arbeiter inmitten eisiger Berge. Pompöse Adelspaläste gibt es nicht, aber Claudine verschwindet hier und da in unscheinbaren Türen und zeigt die dahinter liegenden riesigen Jugendstiltreppenhäuser mit gemalten Blumenranken und Italien-Phantasien an Decken und Wänden. Hier wohnten hoch spezialisierte Arbeiter und Fabrikanten Tür an Tür. Dann wieder weist sie an den Fassaden nach oben, wo unter den Dächern immer wieder breite Fensterfronten auf Ateliers und Werkstätten von Uhrmachern hinweisen. „Je mehr Licht, desto feiner die Uhren“, sagt Claudine.