Kategorie: Island, Europa

Island: Audienz am Vulkan

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Die Eruption des Eyarfjalla legte Europa im Frühjahr 2010 lahm. Auf Island selbst sah man das Naturspektakel als willkommene Abwechslung in der Finanzkrise. Ein Augenzeugenbericht.

Anfang April änderte der Vulkan zwischen Myrdalsjökull und Eyarfjallajökull täglich sein Gesicht.

„Hier geht’s zur Eruption“, sagt Cristina vom Touristenbüro in Reykjavik und zeigt mit dem Finger auf eine Landkarte. Karsamstag, 3. April 2010: Eigentlich will ein Freund mit mir Ostern in der verschneiten Einsamkeit Ostgrönlands verbringen. Doch Schneefall behindert auf Tage den Sichtanflug auf das ungeteerte Flugfeld. Wir sitzen fest auf Island. Ob man da vielleicht einen Blick auf den Vulkan werfen könne, der seit dem 20. März die Weltpresse erfreut, fragen wir schüchtern?

„Klar“, sagt Tourismus-Frau Cristina routiniert. Wie hätten wir’s gern: Als Busreise mit nächtlichem Zwei-Gang-Menü? Als Snowmobil-Tour zum Selbstfahren, vielleicht kombiniert mit einem Hubschrauberflug direkt über die feurige Glut? Wir entscheiden uns für die Jeep-Tour möglichst nah an die Ausbruchsstelle. Nur Tage nach dem ersten Grummeln haben die Isländer die Lethargie nach der Finanzkrise abgelegt. Bunte Plakate und Flyer werben in allen Hotels und Kneipen Reykjaviks für die Eruption. Angst hat hier keiner. Man könnte fast glauben, die kurzfristige Schließung des Internationalen Flughafens in Keflavik habe nur dazu gedient, das Ereignis in die Weltpresse zu bringen.

Island gleicht einem Hexenkessel, als wir tags drauf unsere Fahrt gen Süden antreten. Jeder verfügbare Geländewagen rollt auf der Ringstraße Nr. 1 in Richtung Vik. Unser Chauffeur Valdis ist eigentlich Zimmermann, aber seit vier Tagen rumpelt er mit Thermoskanne und tiefen Augenringen jede Nacht zum Eyarfjallajökull. „Das darf man sich nicht entgehen lassen“, sagt er und man fragt sich, ob er den Vulkan meint oder das schnelle Geld. Wie lange der Ausbruch dauern wird, weiß keiner.

Nach 150 Kilometern, kurz vor der Südspitze der Insel, schwenkt die Allrad-Kolonne ins Binnenland ab. Die Rauchwolke weist den Weg. Doch zunächst muss die steile Abbruchkante des isländischen Hochlandes überwunden werden, rund 1000 Höhenmeter. Valdis lässt Luft aus den schweren Profilreifen. Über eine Schlammpiste schlängeln wir uns hinauf direkt auf den Gletscher Myrdalsjökull. Jetzt im Frühjahr sind seine Spalten noch sicher mit festem Schnee verfüllt. In den vergangenen Tagen haben sich darin tiefe Fahrspuren gebildet. 30 Kilometer rumpeln wir zurück nach Westen, der Sonne entgegen. Ein letzter steiler Anstieg mit heulendem Motor bringt uns auf Augenhöhe mit dem Vulkan auf der schmalen Landbrücke zwischen den Gletschern Myrdalsjökull und Eyarfjallajökull. Mächtig schickt er eine Rauchfahne in den Sonnenuntergang.

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