Kategorie: Grönland, Europa

Grönland: Aufs Glatteis wagen!

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Nach 90 Minuten müssen wir absteigen. Über einen Abhang mit extremer Steigung führt der Weg rund 100 Meter hinab an die Küste. Besser, wir laufen, denn bremsen lassen sich die Gespanne hier nicht. Hüfthoch versinken wir bei jedem Schritt im weichen Schnee, während die Schlitten hinabrasen. Nur Gary kommt nicht. Er hat Frank überfahren! Der alte Hund war schon vorher komisch drauf, irgendwie neben der Spur. Bei der wilden Hatz bergab ist er unter die Kufen gekommen. Gary begräbt ihn im Schnee. Ansprechen darf man ihn darauf nicht, als wir etwas später vor einer Gletscherzunge asiatische Instantnudeln in heißem Wasser auflösen.

Für Trauer bleibt auch gar keine Zeit. Wir müssen uns beeilen, denn ein Schneesturm ist im Anzug. Martin Munck hat über das Satellitentelefon angerufen.  Besser, wir bringen uns in Sicherheit. Doch der Schnee ist viel tiefer als gedacht. Die Hunde zerren an den schweren Schlitten. Wir schieben von hinten. Dann geht es wieder 15, 20 Meter vorwärts, bis wir erneut festsitzen. Die drei Inuitfahrer, vor allem der alte Scoresby, schreien sich die Kehle aus dem Hals. Die Grönlandhunde sind einiges gewöhnt. Damit sie die Belastungen aushalten, dürfen Hunde aus dem Süden nicht eingeführt werden. Doch jetzt jaulen sie unter der Peitsche. „Die Hunde sichern das Überleben“, sagt Gary unwillig: „Wenn sie nicht arbeiten, werden sie erschossen.“ Aber um Frank trauert er trotzdem – dem alten treuen Begleiter hatte er schon einen Platz im Hundepensionat in England gebucht.