Kategorie: Grönland, Europa

Grönland: Aufs Glatteis wagen!

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Die Sonne sinkt unter den Horizont. Schnell noch den Schlitten nach Hause schieben.Als die Sonne sinkt, verwandelt das tief stehende Licht die Landschaft in ein Wintermärchen. Der Schnee schimmert rotgold, die Bergkuppen der umliegenden Buchten ragen heraus, kleine Eisschollen lugen wie verwunschene Tiere aus dem Schnee. Als die Sonne weg ist, denke ich nur noch an die Sonnenblumenkerne im Studentenfutter. Bei 20 Grad unter Null ein eisiges Vergnügen.

Kurz vor der Dunkelheit taucht auf einer flachen Anhöhe dann unser Ziel auf, die Schutzhütte von Kap Hoegh auf 70 Grad und 43 Minuten nördlicher Breite. Vogelforscher haben sie aufgestellt. Im Sommer beobachten sie hier Krabbentaucher in den nahen Felsen. Jetzt wird sie unser Unterschlupf. Bald sorgt der Bullerofen drinnen für wohlige 30 Grad – eindeutig zu viel für den Thermoschlafsack.

Am nächsten Morgen ist die klare Sicht grauer Suppe gewichen. Der Schneesturm hat sich etwas verspätet, aber er kommt. Wir haben nicht so viel Gemütsruhe wie die Grönländer. Während sie in der Hütte Karten spielen und Schnaps trinken, wollen wir zum großen Eisberg in der Bucht wandern. „Aber nehmt eine Waffe mit“, verlangt Gary und leiht uns seine Pumpgun. Patrone einlegen, vor- und zurückziehen und abdrücken, wenn ein Eisbär komme. „Nicht zögern“, sagt er. Im Ort hingen etliche weiße Felle auf Gestellen zum Trocknen.

Der Eisbär bleibt außer Sicht, aber die ist auch mächtig getrübt, als wir endlich den Eisberg erreichen. Bestimmt 30 Meter ragt er aus dem gefrorenen Meer. Eiszapfen, kleine blaue Höhlen und schrundige Kanten beeindrucken trotzdem. Doch der Wind hat inzwischen Sturmstärke erreicht. Der lockere Schnee treibt uns schmerzhaft ins Gesicht. Sehen wir zu, dass wir zurückkommen, bevor der Blizzard richtig wütet! Als wir nach einer Stunde wieder die Hütte erreichen, sind die zusammengerollten Hunde ringsum längst völlig zugeschneit. Nur Ohren und die schwarzen Nasen lugen aus dem Schnee. Wer sich bewegt, der friert doppelt. In der Nacht heult der Sturm um die Hütte und rüttelt an den Fenstern. Wasser lassen kann man nur noch im direkten Windschatten gleich unter dem Fenster. Den Hunden ist es egal.