Kategorie: Grönland, Europa

Aufs Glatteis wagen!

Von: Martin Wein

An der Küste entdecken wir auf der Weiterfahrt spektakuläre Gletscherkanten. Tief blau schimmernd thront der Age-Nielsen-Gletscher über dem Tal. Felsbrocken groß wie Autos sind im Eis festgefroren und schieben sich auf den Abgrund zu. Spalten und Klüfte bieten immer neue Einblicke. Ein echtes Wintermärchen, das fast niemand zu Gesicht bekommt. Nur ein französisches Ehepaar auf Skiern kreuzt unseren Weg.

Dann funkt der Satellit einen Hilferuf. Eine andere Reisegruppe ist im Tiefschnee versackt. Die Hunde seien am Ende, ein Weiterkommen unmöglich. Und sie müssen zurück in dien Ort, ihren Flieger erwischen. Für die Inuit ein guter Grund zur Umkehr. Bei den widrigen Bedingungen fahren sie ohnehin lieber an die Eiskante, um Robben zu jagen.

Das Eis der Gletscher schillert fernab der Zivilisation mit ihrer Umweltverschmutzung wie ein Diamant. Doch die Gletscher schmelzen wie überall auf der Welt auch hier.Schritt für Schritt kämpfen sich die Hunde in einen noch tiefer verschneiten Fjord hinein. Wir waten teils hinterher, damit sie weniger Gewicht zu ziehen haben. Drei Stunden dauert die Qual, bis wir den eingeschneiten Österreichern eine Spur gelegt haben. Wir fahren noch wenige Kilometer weiter auf ihrem Treck hinein in den geschützten Fjord, bevor wir die Zelte aufschlagen. Am Abend blubbert schwarzes Walrossfleisch mit dicken weißen Fettquasten auf den Kerosinkochern. Erst im Zelt wird es dann wieder warm, bevor in der Nacht von unten die Kälte in die Glieder kriecht. Dafür haben wir eigens Schokolade bekommen als Energiereserve für den Notfall. In der Nacht geht keiner freiwillig raus. Das ist auch besser so. Morgens entdecken wir Eisbärenspuren ganz in der Nähe.

Etwas verstimmt machen wir uns auf den Weg nach Süden. Erst durchqueren wir die gebirgige Halbinsel und fahren dann im geschützten Hurrey Inlet entlang. Bis Global Warming Island haben wir es nicht geschafft in diesem Grönland-Winter. Der Klimawandel ist damit aber keineswegs vom Tisch. Der Eindruck täuscht, denn steigende Temperaturen können in diesen Breiten zunächst durchaus zu mehr Schneefall führen. Kurz bevor wir die verlassene Siedlung Kap Hope mit ihrem gespenstischen Friedhof direkt am Meer erreichen, passieren wir zwei gewaltige Eisberge, viele dutzend Meter hoch, die von weiter nördlich herangedriftet und dann festgefroren sind. Sie sind Zeugen davon, dass die eisige Welt des Nordens erheblich in Bewegung geraten ist. Wie lange derartige Abenteuer noch möglich sind, ist ungewiss.