Kategorie: Europa

Aus Sand gebaut

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Im Tal von La Orotava, im grünen Nordwesten von Teneriffa, treibt der Katholizismus erstaunliche Blüten. Für einen einzigen Tag im Jahr verschwindet die ganze Stadt unter einem Teppich aus Blumen und Sand. So zelebriert die Stadt auch ihr Dasein im Schatten des dritthöchsten Vulkans der Welt.

Hunterte EInwohner streuen Blüten von Rosen, Nelken und Hyazinthen auf den Straßen von La Orotava zu vergänglichen Bildern.

In jüngeren Jahren wurde Domingo Gonzales Exposito regelmäßig von schweren Alpträumen geplagt. Düstere Gewitterwolken zogen sich dann über seinem Kopf zusammen. Blitze fuhren herab zur Erde. Oft sei er schweißgebadet aufgewacht. Aber die Blitze seien nicht das Schlimmste gewesen in den Alpträumen. Das Schlimmste war der Platzregen oder gar der Hagel, der über ihm niederging und vorzeitig alles zerstörte, bis nur noch ein schlammiger Matsch aus Farbschlieren übrig blieb.

„Manchmal hat es tatsächlich noch im letzten Augenblick etwas geregnet“, sagt Domingo Gonzales Exposito. Und einmal sei ein Hund mitten durch das große Bild getapst. Aber eigentlich habe der liebe Gott doch immer ein Einsehen gehabt mit ihm und den Bewohnern von La Orotava im grünen Nordwesten der Kanaren-Insel Teneriffa. Schließlich steht das ganze Städtchen immer im Frühsommer nur zu Ehren des Allmächtigen für 24 Stunden Kopf, um das Blutopfer Christi zu feiern. Ein Bischof hat sogar eigens verfügt, dass das Fest hier eine Woche später stattfinden möge als sonst überall in der katholischen Welt. So sollen möglichst viele Gläubige kommen und sehen können, wie sie in La Orotava ihren Glauben zur Schau stellen.

Teppiche aus Blüten und anderer Schmuck an Straßen und Häusern sind auch in manchen Regionen Mitteleuropas durchaus noch üblich, um der Fronleichnams-Prozession einen würdevollen Rahmen zu geben. Mit dem Fest bekennt sich die Katholische Kirche zur körperlichen Verwandlung von Brot und Wein während der Eucharistie-Feier in den Leib und das Blut Jesu Christi. Im Hochmittelalter war das Fest zum Feiertag erhoben worden, nachdem ein zweifelnder Pastor 1263 im italienischen Bolsena beim Brechen des Brotes Blutstropfen auf der Hostie gefunden haben soll. Heute ist Corpus Christi auch ein Anlass zum öffentlichen Glaubensbekenntnis.

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