Kategorie: Europa

Spanien: Aus Sand gebaut

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Das tun sie seit 1912. Auch als der Teide 1954 Nationalpark und 2007 Weltnaturerbe wurde, haben sie an ihrer Tradition festgehalten. „Es ist hier so viel Gestein vorhanden. Die Entnahme merkt man gar nicht“, sagt Pedro Corales. Und wenn die Straßenreinigung in La Orotava nach dem Fest alles zusammengekehrt habe, komme der Sand auch zurück in den Park.

Unten in der Stadt tritt das Fest am nächsten Morgen in seine heiße Phase ein. Schon am Abend zuvor haben sich die 40 000 Einwohner mit den jungen Weinen des Jahres kräftig in Stimmung gebracht. Hunderte Familien, Vereine, Schulklassen und auch der Bürgermeister von La Orotava legen jetzt gehäckselte Zweige der einheimischen Baumheide auf den Straßen aus. Darüber streuen sie Blüten von Rosen, Nelken und Hyazinthen zu Bildern oder Mustern. So viele Blumen werden dafür benötigt, dass in manchen Jahren der Nachschub in bestimmten Farben knapp wird.

Doch wenn der Abend naht, ist La Orotava unter einem Meer aus Blüten und Sand verschwunden. Jetzt läuten die Glocken der Kathedrale. Live übertragen von mehreren Fernsehstationen schlängelt sich die Prozession im Nebel der Weihrauchspender hinauf zum Ajuntamiento. Der Himmel ist gnädig. Als die riesige Monstranz den Platz erreicht, reißen sogar die Wolken auf. Zehntausende Besucher jubeln. Nur einer schweigt – der Teide. Aber vermutlich nicht für immer. Sein letzter Ausbruch war erst 1909.