Wir sind im Bärenland. Warntafeln und Müllcontainer mit raffinierten Verschlüssen machen das unmissverständlich klar, Touristen mit Bärenglocken und der ewigen Grußformel auf den Lippen: „Did you see a bear?“ Und doch bleiben die pelzigen Brüder der Menschen meist ein Schatten am Wegesrand, eine vage Erinnerung an die wilde Vergangenheit der eigenen Art.
Doch in Hyder im Tongass National Forest sei das anders, erfahren wir unter der Hand. Das verschlafene Geisterdorf zwischen hohen Bergen ist ein Geheimtipp unter Eingeweihten, gilt als Bär-Dorado des amerikanischen Nordens.
Mit monströsen Stativen, Fernrohren und gewaltigen Teleobjektiven fallen die Bärenjäger von heute jeden Sommer in die einstige Bergwerksstadt am Portland Canal gleich hinter der kanadischen Grenze ein. Schwarzbären und Grizzlys, die sonst von Beeren, Wurzeln, Aas und kleinen Säugetieren leben, schlagen sich hier mit Lachs den Bauch voll für den langen Winter und lassen sich von den Touristen nicht stören.
Die 30 Einwohner dagegen, die vom Rest Alaskas durch mehrere hundert Kilometer Wildnis getrennt werden, sehen das Treiben mit einer Mischung aus liebenswertem Geschäftssinn und Spott. „Neulich kam ein Mann mit einer ganzen Liste von Fragen in mein Border Café, die er gewissenhaft abarbeiten wollte“, berichtet die Wirtin amüsiert. „Dem habe ich gesagt, er soll erst einmal einen Burger bestellen.“ Und ein junger Mann verkündet seinen Freunden mit gespielter Verzweifelung seinen Abschied aus dem Touristenbüro: „Die Leute haben einen ja ausgezogen bis aufs letzte Hemd! Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“