Kategorie: Alaska, USA, Nordamerika

Bärenland Alaska

Von: Martin Wein

Die stark vergletscherten Küstenberge schirmen das enge Tal des Fish Creek gnadenlos ab von den ersten Sonnenstrahlen. Die Temperatur liegt, jetzt um sechs Uhr früh, noch kaum über Null. Vermummt und steif stehen wir auf der kleinen Holzrampe über dem Fluss, die klammen Finger um die warme Teetasse gekrallt. Silbriger Bodennebel kriecht unwirklich durch das Ufergestrüpp. Ein Schatten. Ursus americanus, ein Schwarzbär erscheint zum ersten Frühstück. Mit lässig schlackernden Beinen patscht das Tier auf uns zu, den Blick aufmerksam gesenkt, wechselt urplötzlich in wilden Sprint und wirft sich mit bebenden Vordertatzen ins schäumende Wasser. Nur Sekunden später trägt der kaum einen Meter hohe Bär seine Beute ans Ufer, die fast ein Drittel so lang ist wie er selbst. Genau in diese Flussschleife kehren zwischen Mitte Juli und September jeden Jahres die Lachsschwärme zurück, um dort zu laichen, wo sie selbst einst geschlüpft sind. Für die Bären sind die erschöpften Fische, voll gepumpt mit Rogen, eine leichte und lohnende Beute.

Eine halbe Stunde macht sich der Schwarze an dem Lachs zu schaffen, beißt kleine Stücke aus dem Kadaver und schiebt sie sich mit der Tatze gesittet ins Maul. Die Reste wird ein Weißkopfseeadler vertilgen, der in einem Baum darauf wartet, dass sich erfolgreiche Fischer endlich trollt.

Die Flussbiegung am Fish Creek, nur wenige Minuten außerhalb des Dorfes, ist wohl der einzige Ort in Nordamerika, wo jedermann den Königen der Wildnis ohne spezielle und teure Bärensafaris begegnen kann. Niemand verlangt Eintritt, aber auch Gitter und Zäune fehlen. „Jeder handelt auf eigenes Risiko“, erklärt Bob, der junge Ranger aus Kalifornien, der sich schon im zweiten Jahr für den Sommer hierher versetzen ließ. Mit energischen Rufen räumt er jetzt die Brücke über den Fluss, weil ein Schwarzbär in kaum zehn Metern Entfernung die Straße kreuzt. „Nur etwa ein Zehntel der 100 Bären in der Gegend ist manchmal etwas zu neugierig“, erzählt er später. Aber wer sich mehr für Touristen als für Lachse interessiert, wird mit Pfefferspray auf den rechten Weg gebracht. Meine Frage, ob es sicher wirkt, beantwortet Bob mit einem Achselzucken: „Wir hoffen’s jedenfalls.“ Waffen lägen nur für den Notfall im Rangerbulli: „Aber Umsiedlungen oder Abschüsse haben wir hier nicht nötig.“