Kategorie: Mittel- & Südamerika

Bolivien: Revolution am Drahtseil

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Das neue Seilbahnsystem hat das Leben in der Anden-Metropole La Paz nachhaltig verändert. Milieus wachsen zusammen, neue Werbeformen entstehen und die Rush Hour bleibt am Boden. Auch ein Ex-Bonner genießt Mi Teleferico

Die Seilbahnlinien sind in La Paz inzwsichen das bequemste Nahverkerhsmittel.

„Wir sind alle sehr glücklich“, sagt Rodrigo Vera Rozo und blinzelt in den wolkenlosen tiefblauen Himmel, wo die Gondeln der himmelblauen Seilbahnlinie im Sechs-Sekunden-Takt vorüberziehen. Wer verstehen will, warum der Mann sich über den neuen Nahverkehr in Boliviens Hauptstadt La Paz so freut, der muss nur einmal in der dünnen Luft die wenigen Schritte von der Franziskanerkirche an der Avenida Ismael Montes durch die Altstadt hoch zum Parlament an der Plaza Murillo schnaufen. Kolonnen uralter Busse und Trufis – hiesiger Sammeltaxis – schieben sich stotternd und tuckernd durch die engen steilen Straßen. Die schmalen Bürgersteige werden von fliegenden Händlern in drei Schichten vom frühen Morgen bis spät in die Nacht mit Bergen an buntem Plastikspielzeug, dampfenden Empanadas, billigen Radios, Küchenzubehör und Kleidung oft bis auf die Fahrbahn hinaus zugestellt. Dazwischen suchen sich Männer in schwarzen Anzügen und Frauen in bunten Röcken mit Tragekiepen und Strohhüten gleichberechtigt bedächtig ob der Höhe von über 3000 Metern ihren Weg durch das Durcheinander. Hauptstraßen gibt es kaum. Staus sind Normalzustand.

Welch anderes Bild bietet sich da wenige Meter weiter in der himmelblau angemalten Endstation Prado der Linea Celeste. Gewienerte Böden, freundliches Personal am Fahrkartenschalter, kostenlose Toiletten. Und schwupps sitzt man mit einem Boleto für drei Soles Bolivianos – umgerechnet 40 Eurocent – auch schon drin in der inzwischen wichtigsten Touristenattraktion von La Paz. Auf nun schon neun farblich markierten Linien schweben die Gondeln der öffentlichen Seilbahn Mi Teleferico – Meine Seilbahn – fast geräuschlos über das Häusermeer des höchstgelegenen Regierungssitzes weltweit. Ursprünglich hatte dem sozialistischen Staatpräsidenten Evo Morales 2014 eine Hochbahn vorgeschwebt. Die sollte die rasant wachsende arme Oberstadt El Alto mit dem Zentrum von La Paz verbinden, um den völligen Verkehrskollaps durch Hunderttausende Pendler morgens und abends gerade noch abzuwenden. Doch die extreme Topographie mit mehreren tief eingeschnittenen Canyons und die extrem dichte Bebauung sprachen für eine Seilbahn. Experten des Marktführers Doppelmayr aus Österreich haben die ersten drei Linien für rund 230 Millionen Euro in wenigen Monaten Bauzeit realisiert. Seither sind sie in La Paz dauerhaft engagiert.

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