Kategorie: Mittel- & Südamerika

Bolivien: Revolution am Drahtseil

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Für seinen Alltag ist die Seilbahn ein echter Segen. Die Fahrzeit von der eigenständigen Millionenstadt El Alto auf dem Hochplateau unweit des Titicacasees oder der gegenüberliegenden Zona Sur bis ins Zentrum habe sich in der Rush Hour von zwei Stunden auf 30 Minuten verkürzt, berichtet der Geschäftsmann. Für die 2,5 bzw. 4,7 Kilometer lange Fahrt selbst braucht man nur zehn bzw. 16 Minuten. Die Viertel der Armen und Reichen seien seit der Inbetriebnahme der ersten Linien 2014 zusammen gewachsen. Er berichtet: „Viele Menschen aus den Vorstädten waren vorher nie im Zentrum. In den ersten Monaten nach der Inbetriebnahme 2014 haben sie jedes Wochenende Ausflüge gemacht und große Straßenfeste gefeiert.“ Der Fahrpreis für die Gondel ist schließlich nur halb so teuer wie das Busticket. Dabei hätten die Leute auch die Sauberkeit in der Bahn und den Vierteln der Wohlhebenden erlebt. „Danach haben sie auch bei sich kräftig aufgeräumt.“ Auch viele illegale Bauten seien von oben aufgeflogen.

Andersherum wurden die Bahnen zunächst nur von der ärmeren Bevölkerung genutzt – und von Touristen aus Nordamerika und Europa. Wer es sich leisten konnte, der saß weiterhin in seinem eigenen Auto. Doch mit der Zeit haben auch Geschäftsleute, Studierende und Einkäufer trotz der robusten Holzbänke die Vorzüge der Bahnen schätzen gelernt, die in der Stadt ganz nebenbei Hunderte neuer Arbeitsplätze geschaffen haben. Heute teilen sich bis zu zehn Personen einträchtig eine Kabine und halten sie penibel sauber. Beschwerden über den Betrieb von sechs Uhr morgens bis 23 Uhr abends gibt es kaum. Wirklich einsehbar sind die unter den Fahrgästen vorüberziehenden Häuser bei dem raschen Tempo der Kabinen nicht. Und der Schattenwurf ist minimal. Geräusche machen nur die Stationen. Jeder Bus ist allerdings lauter.