Kategorie: Asien

China: Ein Ritt auf dem Drachenrücken

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Die Karstberge an den Mäandern des Li-Flusses und die Reisterrassen in den Shan-Bergen prägen die grünen Kulturlandschaften im Südwesten Chinas. Und das Grün kehrt sogar zurück in die Mega-Städte.

Die Reisterrassen von Longsheng müssen ständig in Ordnung gehalten werden, damit Sturzregen sie nicht zu Tal befördern.

Mit der Liebe der Chinesen zu ihrer Natur hat das Ausstellungszentrum für Stadtentwicklung auf den ersten Blick nichts zu tun. In der Form einer überdimensionalen Stereo-Anlage der 1980er-Jahre mit einer altmodischen Tisch-Antenne obendrauf steht das auffällige Gebäude gleich neben dem Rathaus am zentralen Volksplatz in Shanghai. Im Inneren protzt die Stadtverwaltung des 23-Millionen-Einwohner-Molochs mit einem imposanten beleuchteten Riesen-Modell der südchinesischen Megalopolis im Jahr 2020.

Doch nur ein Stockwerk darüber geht es nicht mehr um Autobahnen, Fabriken und Appartementburgen, sondern um Bäume. Hier erfährt der Besucher, dass die üppigen Rabatten von Rosen, Geranien und Begonien auf allen Kreisverkehren, an Straßenrändern und auch auf den horizontalen Blütenwänden an der Uferpromenade Bund am Perlfluss keineswegs nur eine ästhetische Bedeutung haben. Ausgerechnet die wichtigste Industriestadt Chinas will zurück zur Natur – und das mit Macht.

Drei Prozent seiner Wertschöpfung investiert Shanghai derzeit jedes Jahr in seine Grünanlagen. Ein 25 Meter breiter Grüngürtel legt sich innen um die wichtige Ringstraße, außen gefolgt von einem 500 Meter breiten Waldgebiet. Zapfenförmige Grünanlagen in den Außenbezirken sollen die Belüftung der Innenstadt verbessern und den Hitzestau ableiten. 671 Quadratkilometer Wald sollen außerhalb des Rings für Frischluft und Auslauf sorgen. 2020 möchte die Stadtverwaltung 40 Prozent der Stadtfläche grün sehen, damit die Mega-Stadt nicht kollabiert.

Die spürbaren Folgen der Industrialisierung, der weiter rasant wachsenden Bevölkerung und des Klimawandels haben im Reich der Mitte zum Umdenken geführt. Gartenstädte, die ohne sichtbaren Übergang mit der umgebenden Landschaft verwachsen, sind die politisch gewollte Zielvorgabe. Doch dahinter verbirgt sich auch eine tief verwurzelte Liebe zur kultivierten, sorgsam gehegten Natur, die sich in jedem chinesischen Garten widerspiegelt.

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