Kategorie: Asien

China: Ein Ritt auf dem Drachenrücken

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Ihre Vorbilder findet man vor allem im feuchten Südwesten des Riesenreichs. Ein zweistündiger Flug bringt Besucher westwärts in die Hauptstadt Guilin in der Autonomen Provinz Guangxi. „Zimtwald“ heißt die Stadt übersetzt. Und wenn auch das Zentrum mit dem lieblichen Namen kaum noch etwas gemein hat, so faszinieren doch schon beim Anflug die dutzenden rund geschliffenen Kalksteinkegel, die sich südlich der Stadt wie Buckel freundlicher Glücksdrachen aus dem grünen Sumpfland an den Ufern des Li-Flusses recken. Sie sind eine Attraktion, die 40 Millionen chinesische Touristen und 140 000 Ausländer im Jahr in den Hauptort Yangshuo locken. Auf überdachten Plastikflößen mit knatternden Außenbord-Motoren sausen die Besucher flussabwärts durch die Szenerie, die man hierzulande von manchem Porzellan-Service aus Uromas Beständen kennt.

Jia Jia You nimmt ihre Gäste lieber mit Fahrrädern mit aufs Land, am besten samt Hilfsmotor wegen der Hitze. Auf schmalen Feldwegen und kaum befahrenen Nebenstraßen schlängelt sich ihr Grüppchen von Dorf zu Dorf. In der Umgebung stehen immer wieder die markanten Reste des Sichuan-Urmeeres, denen man phantasievolle Namen wie Großvater betrachtet einen Apfel oder Acht Unsterbliche kreuzen den Fluss gegeben hat. Gemüsefelder, Zimtblütenbäume und Teiche voller Wasserhyazinthen wechseln sich ab mit Nassreispflanzungen. Gelegentlich quält sich noch ein Wasserbüffel durch den schweren Lehmboden. Doch vor allem der Anbau der begehrten herbsüßen Kumquat-Zwergorangen habe viele Bauern reich gemacht, erzählt Jia Jia – und neue Hotelbauten. „Die Landflucht ist hier inzwischen gestoppt“, sagt sie. Viele Bauern hätten nur offiziell ihren Wohnsitz in der Stadt, weil sie damit Anspruch auf bessere medizinische Versorgung und Schulausbildung ihrer Kinder in den Zentren genössen. Zwar sollte man sich von den Glitzer-Fassaden auf dem „Hallo-Markt“ in Yangshuo nicht täuschen lassen. Abseits der Touristenpfade gibt es nach wie vor viel Armut. Aber viele möchten auch ihr Leben nicht mit der Hektik und dem Smog in den Millionenstädten tauschen.