Kategorie: Asien

China: Ein Ritt auf dem Drachenrücken

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Schon vor 800 Jahren legten die Minderheiten der Zhuang, der Yao, Miao und der Dong in den Shan-Bergen nördlich von Guilin Hand an. Vor feindlichen Übergriffen in die Höhenlagen geflüchtet, haben sie dort viele Bergrücken terrassiert und mit Trockenreis bepflanzt. Auf einer Fläche von 70 Quadratkilometern sind sie noch erhalten. Heute tragen die Hänge im Kreis Longshen phantasievolle Namen wie Neun Drachen und fünf Tiger oder Sieben Sterne, die den Mond umkreisen. Doch auch nicht so Phantasie-Begabte sollten den Ausflug in die Berge nicht auslassen. Shuttle-Busse bewältigen den größten Teil der 800 Höhenmeter. Die letzte Dreiviertelstunde läuft man zu Fuß durch Spaliere von Tee- und Souvenirhändlern. Dann öffnet sich im Dorf Ping An mit seinen traditionellen Holzhäusern der Blick auf den Drachenrücken.

Ein Hundertwasser-Kalender ist nichts gegen dieses Ensemble abgestufter Kurven ohne eine einzige gerade Linie, die sich von 380 bis in 1100 Meter Höhe die Berge hinaufziehen. Mehrere Wanderwege schlängeln sich hindurch wie ein Ritt auf dem schuppigen Reptil. Besonders zum Sonnenaufgang verleihen tief hängende Wolkenfetzen über den Tälern der Landschaft oft eine entrückte Schönheit. Nur das hektische Klicken aus dem Wald der schweren Kamerastative heraus stört an den einschlägigen Aussichtspunkten die Idylle. Eigentlich würden die Zhuang, deren traditionsbewusste Frauen sich bis heute nur einmal im Leben die Haare schneiden lassen, lieber Gemüse oder Obst anbauen, verrät Jia Jia. Das bringt mehr Ertrag und macht weniger Arbeit. Aber um die einmalige Landschaft für die Nachwelt zu erhalten, dürfen sie nicht. Ständig müssen die Bauern die Mauern aus Lehm ausbessern, den Wasserfluss regulieren und die Setzlinge hegen. Dafür bekommen die Bewohner von Ping An und den anderen beiden Dörfern ihren Anteil an den Eintrittsgeldern der Touristen, die für einen kühlen Morgen oder zwei den Mühen der Ebene entfliehen.