Kategorie: Frankreich, Europa

Frankreich: Das Erbe von Omaha-Beach

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

70 Jahre nach Beginn der größten Landungsoperation der Weltgeschichte ist in der Normandie von Revanchismus nichts zu spüren. Voller Bestürzung schauen Besucher auf die ehemaligen Kriegsschauplätze und die Bewohner halten die Geschehnisse an zahlreichen Orten lebendig.

Die Sperrkreuze und Bunkerreste hat man beseitigt. Heute erinnert die Skulptur „Les Braves“ von Anilore Banon am Omaha Beach an den 6. Juni 1944.

Zwei Familien aus dem nahen Cherbourg haben ihre Minibusse zu einer Wagenburg zusammengestellt. Grillen mit Meerblick steht auf dem Programm. Weiter vorne spielen drei kleine Mädchen Fußball im Sand. Ein Pärchen kauert hinter einem Felsen und schaut gen England. Nur Liegestühle und Imbissbuden fehlen. Eine Sonntagsszene am Omaha-Beach westlich von Caen in der Oberen Normandie.

Geschützstellungen und Sperrkreuze sucht man an diesem Strandabschnitt heute vergeblich. Doch der friedliche Schein trügt: Auch 70 Jahre nach Landung der Alliierten in der Normandie ist Operation Oberlord an dieser Küste allgegenwärtig. Man muss nur die 400 Meter entfernte steile Uferböschung hochsteigen wie die amerikanischen Landungstruppen an jenem 6. Juni 1944. Allein in der ersten Stunde starben damals 70 Prozent von ihnen im deutschen Dauerfeuer. Am Ende des Tages waren über 15 000 alliierte Soldaten tot, weil die Luftwaffe die deutschen Küstenbatterien verfehlt hatte. Erst nach Stunden gelang es, den sechs Kilometer langen Strandabschnitt einzunehmen. Die meisten Toten von Omaha – der Codename der Operation ist geblieben – liegen heute in Sichtweite oberhalb des Strandes unter 9386 weißen Marmorkreuzen. Ein Ambiente wie auf dem Nationalen Friedhof in Arlington bei Washington und eine Wand mit 1500 Namen Verschollener verleihen dem Ort eine weihevolle Aura. Seit dem Einsetzen des Gedenktourismus in den 1970er-Jahren ist der Soldatenfriedhof für Veteranen, Angehörige und Nachfahren der US-Landungstruppen Pflichtprogramm.

Außerhalb seiner Mauern erinnern zahlreiche Überbleibsel des deutschen „Atlantikwalls“ ebenso wie rund 20 Museen, ein 360-Grad-Kino und kommerzielle Strand-Erkundungen im Weltkriegs-Jeep an die dramatischen Ereignisse. In den frühen Morgenstunden des 6. Juni 1944 hatte eine Flotte von 5300 Schiffen unter dem Oberkommando von General Dwight D. Eisenhower rund 170 000 amerikanische, britische und kanadische Infanteristen bei Sturm und Regen an den fünf Stränden Sword, Juno, Gold, Omaha und Utah an Land gesetzt. Weil kein passender Hafen für die großen Kriegsschiffe in der Nähe lag, brachten die Truppen verborgen durch künstlichen Nebel zwei eigene künstliche Häfen mit – heimlich konstruiert aus riesigen schwimmenden Betonbehältern, die vor Ort geflutet wurden. Die Deutschen, die den Angriff weiter östlich erwarteten, wurden überrumpelt. Ihr Befehlshaber, Feldmarschall Rommel, weilte im Urlaub. Und man wagte nicht, den schlafenden Adolf Hitler auf dem Obersalzberg zu wecken, um die Panzerdivisionen in Marsch zu setzen. Dennoch gelang der Vormarsch nicht so schnell, wie erhofft.