„Erstmal die Todesanzeigen lesen.“ Mit geübtem Griff blättert Axel Bruns die letzten Seiten der mitgebrachten Zeitung auf. Die jungen Wilhelmshavener sagen ihm zumeist wenig, doch unter den Toten entdeckt der promovierte Ethnologe immer wieder Bekannte und Freunde.
Vor über 20 Jahren hat Axel Bruns seine Geburtsstadt Wilhelmshaven verlassen, vor neun Jahren sein Geburtsland Deutschland. Damals verkaufte er einen Asien-Handel am Berliner Bahnhof Zoo und wagte den Schritt in die Fremde. Seither lebt er in Birma oder Myanmar, wie der südostasiatische Staat am Golf von Bengalen sich selbst heute nennt. Ein Birmane ist Bruns nicht geworden. „Ich bin Wilhelmshavener und werde es immer bleiben“, sagt er fast trotzig. Und das nicht nur, weil für ihn jeden Morgen Rosinenbrot mit Nutella und ein gut gezogener Ostfriesentee auf dem Frühstückstisch gehören.
Axel Bruns eine Ausgabe seiner Heimatzeitung vorbeizubringen, ist gar nicht so einfach. 15 Stunden Flug über Singapur trennen Frankfurt von Birmas Landeshauptstadt Yangon. Von den britischen Kolonialherren wurde die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts für 36 000 Einwohner konzipiert. Heute leben hier über 3.5 Millionen Menschen in zumeist brütender Hitze und Staub. Der Verkehr hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Fliegende Händler bieten auf Tüchern und Tischen Sonnenbrillen, raubkopierte Musik-CDs oder winkende Plastikkatzen mit Batteriebetrieb aus China feil. Auf winzigen Höckerchen essen hungrige Birmanen bei mobilen Garküchen gebratenen Reis mit scharfen Soßen für wenige Kyat und trinken chinesischen Tee.
An der Sule-Pagode im Zentrum der Metropole halten eifrige Frauen Besuchern und Einheimischen Singvögel in winzigen Käfigen direkt unter die Nase. Wer sie freikauft, tut ein gutes Werk und sichert sich nach buddhistischem Glauben ein gutes Karma für das nächste Leben. In dem Gewimmel fallen die Löcher in den Betonplatten oft kaum auf. Schon manch Eiligen haben sie zu Fall gebracht.