Kategorie: Europa, Frankreich

Frankreich: Der Held der Camargue

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

In den mückenverseuchten Sümpfen der französischen Camargue werden Rinder noch heute vor allem für den Stierkampf gezüchtet. Das archaische Ritual hat sich hier zum unblutigen Sport entwickelt.

Eine Viertelstunde bleibt den Razeteurs, um dem Stier bei den „course camarguaise“ seinen Schmuck abzunehmen.

„Ils arrivent, ils arrivent!“ – „sie kommen“ – rufen hunderte Menschen auf den Straßen von Vauvert fast gleichzeitig. Ein Schuss hat Minuten zuvor die Massen vorgewarnt. Doch erst als die Reiter um die Straßenecke biegen, bringen sich auch die letzten Zuschauer in Hauseingängen und hinter schweren Eisengittern in Sicherheit. Nur Sekunden später donnern zehn weiße Pferde mit wehenden Mähnen die Hauptstraße entlang, von Männern in bunten Hemden kräftig in die Flanken gedrückt. Die eigentlichen Helden des Augenblicks sind zwischen den Pferden verborgen. Vier schwarze Camargue-Stiere preschen mit der Gruppe bis in die Arena – im Schlepptau eine Traube Jugendlicher, die sie von hinten zu berühren versuchen, ein Mut- und Geschicklichkeitsbeweis bei der Dorfjugend.

Das ganze Jahr über liegt die 11 000-Seelen-Gemeinde Vauvert im Hinterland der Departements-Hauptstadt Nîmes in provenzalischem Dornröschenschlaf. Im Café auf dem Dorfplatz trinken Pensionisten am späten Nachmittag ihren Pastis unter schattigen Bäumen. Einige kleine Restaurants servieren frischen Fisch vom nahen Mittelmeer, gewürzt mit Thymian, Rosmarin und dem berühmten Fleur du Sel aus der Saline im Nachbarort. Ein paar jüngere Leute frequentieren den Asia-Imbiss „Indochine“. Doch wenn Plakate die „course camarguaise“ ankündigen, die unblutigen Stierkämpfe der Region, sind an einem Samstagmorgen plötzlich alle Dorfbewohner und viele Besucher aus der Umgebung schon früh morgens auf den Beinen. In den moskitoverseuchten und von Überflutungen des Mittelmeers versalzenen Sümpfen des Rhône-Deltas im Dreieck der Städte Nîmes, Montpellier und Marseille, wo über Jahrhunderte ein effektiver Ackerbau nicht möglich war, hat sich eine urtümliche Rinderhaltung fern aller modernen Hochleistungslandwirtschaft und EU-Subventionen erhalten. Über Milchkühe schütteln hiesige Bauern wie Thierry Trazic nur den Kopf. „Der Stier ist der Held der Camargue“, ruft der Rinderzüchter aus tiefster Überzeugung, nachdem die Manade, die Herde aus Pferden und Stieren, auf der Hauptstraße vorbeigeritten ist. Abrivado nennt man diesen spektakulären Teil der Spiele, bei dessen Anblick ein Beamter aus einem deutschen Ordnungsamt vermutlich ad hoc einen Herzanfall erleiden würde. In Vauvert stehen lediglich zwei Dorfgendarmen am Rand der Zugstrecke ohne auch nur ein einziges Kind von der Straße zu rufen. Mit dem Abrivado brachten die Viehhirten früher ihre Rinder von den Winter- zu den Sommerweiden und umgekehrt. Heute ist der Einzug der Stiere Teil eines sportlichen Ringens von Mensch und Tier, das von Ostern bis Oktober die Bevölkerung im Süden fast jedes Wochenende in einem anderen Dorf in Atem hält.