Kategorie: Asien, Jemen

Jemen: Der steile Weg nach Shahara

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Auf der Bergfestung im Nordjemen ist man dem Himmel ein Stück näher. Doch ein Restrisiko reist mit wie die Tüte voller Qat.

Fast 1500 Meter über dem Wadi Lisnan liegt die Felsenfestung Shahara. Die Fahrt hier herauf ist noch heute ein echtes kleines Abenteuer – auch ohne Entführung.

Und alles für eine alte Brücke. In 2500 Metern Höhe verbindet sie seit über 300 Jahren zwei Bergrücken. Die Osmanen haben sie gebaut. Toyota drehte hier einen Werbefilm.  Das reicht: Seit Jahren ist Shahara ein Geheimtipp unter Jemen-Reisenden.

Schon vor Tagesanbruch haben wir für einen Abstecher dorthin die sicheren Stadtmauern von Sada verlassen, die im Nordjemen noch immer sicheres von unsicherem Terrain trennen. Drinnen kann man gemütlich auf der Mauerkrone spazieren gehen, draußen kann man entführt werden. Im Konvoi sind wir durch die Wüste gerumpelt, die drei Jeeps dicht zusammen zwischen zwei Pickups mit aufgepflanzten Maschinengewehren. So macht man Urlaub im Jemen. Denn irgendwie ist das hier ganz normal.

Bei Huth sind wir von der Asphaltstraße abgebogen auf eine Rüttelpiste ins Wadi Lisnan. Seltsame Flaschenbäume blühen hier dicht über dem Boden. Dann kam al-Gabai, ein Ort aus fünf Hütten. Die Jeep-Fahrer bleiben hier, schlafen beim Gepäck, „weil sie es immer tun“ – sprich, damit wir die Taschen morgen wieder sehen. Nun folgt Zeter und Mordio! Was kostet die sichere Fahrt nach Shahara heute – und was vor allem die Rückfahrt? Wilde Gesten. Geschrei. Warten. Ziemlich lange.

Ali – der Nachname tut nichts zur Sache – sieht es gelassen. Gleich nach der Abfahrt am Morgen  hat er aus seiner feuchten Plastiktüte die ersten Qat-Blätter in die rechte Backe gestopft. Wie ein Koalabär mümmelt er stundenlang gemächlich auf dem leichten Suchtmittel herum und wird immer entspannter. In Aachen hat er Ingenieurwissenschaften studiert. Jetzt begleitet er Touristen durch seine Heimat. „Das ist alles Stammespolitik hier“, erklärt er schläfrig. „Entführst du mich, entführ ich dich. Dann haben wir eine Grundlage zum Verhandeln.“ Hauptsache es gibt ausreichend Quat, dann wird schon nichts passieren.

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