Kategorie: Kurioses

Die Handreichung

Von: Martin Wein

Neulich fuhr ich mit dem Zug in die nächste Stadt, nach Oldenburg. Dort wollte ich ins Theater gehen und habe das schlussendlich auch getan. Es war bereits dunkel, als der Triebwagen aus dem schlauchartigen Bahnhof mit den Parkhäusern zu beiden Seiten hinausglitt aufs freie Feld, und da ich keine Lektüre mitgenommen hatte, schloss ich die Augen und dachte an nichts Bestimmtes.

Ein Gefühl schmerzender Beklemmung ließ mich hochfahren. Ein Schraubstock hatte sich um meine Wade gelegt. Nein, es war eine Hand, eine faltige, blasse Hand, die sich neben dem Sitz ihren Weg zu meinem linken Unterschenkel gesucht hatte. Noch einmal drückte sie zu, wanderte dann etwas höher und zog energisch am Bein meiner Hose. Etwas perplex, aber dennoch nicht gewillt, mein Beinkleid kampflos zu teilen - das hätte auch der heilige Martin sich zweimal überlegt - rief ich also aus: "Die Hose gehört mir. Die brauche ich noch!"

"Ich dachte, das wären meine Handschuhe", krächzte es von vorne, und der mit weißen Zauselhaaren umkränzte Kopf einer älteren Frau tauchte über der Stuhllehne auf. Sie könne schlecht sehen, sagte sie, und da habe sie sich angewöhnt, bei jeder Gelegenheit zuzugreifen - eine Übung, die viele ihrer Altersgenossen auch ohne Sehbehinderung beherrschen.

Wir suchten dann gemeinsam ihre Handschuhe - unter den Sitzen und dazwischen und leider ohne Erfolg. Und weil es so entsetzlich kalt war und die Frau schon beim Gedanken an die Kälte ersichtlich fror, hätte ich ihr vielleicht meine Handschuhe gegeben, hätte ich selbst welche dabei gehabt. Nur den Fehde-Handschuh ließ ich für heute im Rucksack verborgen.