Kategorie: Frankreich, Europa

Frankreich: Ein Bett im Wolfswald

Von: Martin Wein

Es muss nicht das „International Carlton“ oder das „Majestic“ in Cannes sein: Nur wenige Kilometer hinter der Jetset-Küste am Mittelmeer bietet Frankreich außergewöhnliche Naturerlebnisse in Baumhäusern, Trüffelwäldern und Ziegenställen. Mutige können sogar zwischen Wisenten und Wölfen übernachten.

Im Hinterland des Var schmiegen sich Dörfer wie Bauduen noch fast unberührt an die Küstenberge.

Das dumpfe Orgeln geht durch Mark und Bein. Draußen vor dem weißen Leinenzelt raschelt jemand durchs Laub auf dem Waldboden. Dann wieder dieser tiefe Hall. Nach einem der scheuen Wildfperdchen klingt es nicht, die gestern Abend grasend auf der Wiese standen. Und die Wisente haben überhaupt keinen Laut von sich gegeben. Es werden doch nicht die Wölfe aus den Bergen abgestiegen sein, um sich ein Frühstück zu holen? 

Vorsichtig tapst man zum Zelteingang. In kaum 15 Metern Entfernung steht ein kapitaler Hirsch mit 12 Enden im Bodennebel und röhrt, was das Zeug hält. Brunftzeit in der Reserve de Monts d'Azur in Thorenc, kaum eine Stunde von Nizza und Cannes entfernt. „Unsere Tiere leben hier zusammen wie am Ende der letzten Eiszeit“, sagt Patrice Longour, als er wenig später nachschaut, ob der Gast mit der Trockentoilette und dem Wassersack klar gekommen ist. Vor zehn Jahren hat der Biologe in einem aufgegebenen Ferienlager 700 Hektar Wildnis geschaffen – den einzigen Park dieser Art in Europa, in dem Mutige zu Fuß auf Safari gehen und sogar übernachten können. Lediglich Drahtzäune trennen die Bewohner der sechs Safarizelte von Europäischen Büffeln, Wildschweinen, Przewalski-Pferden sowie einigen Wölfen und Luchsen.

Die Idee kam Longour bei seiner Arbeit in Botswana, wo er die Menschen von der wenig einträglichen Viehhaltung abbrachte. Stattdessen sollten sie mit hohen Campinggebühren und als Safari-Guides Geld mit ihrer einzigartigen Natur verdienen. Dasselbe versucht der 55-Jährige nun auch in den Küstenbergen der Côte d’Azur. Wenn es nach ihm ginge, würden die Zäune ums Reservat bald fallen und Wisente und Wölfe würden endlich wieder so in Europa leben, wie man es auf den berühmten Felsbildern in der Höhle von Lascaux sieht.