Kategorie: Kanada, Nordamerika

Kanada: Eine Nacht unter Karibus - im Zoo

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

In der vernetzten, gleich getakteten Weltgesellschaft wird real erlebbare Authentizität zur begehrten Ware. Themenparks inszenieren dabei nicht mehr das Exotische, sondern zunehmend das, was noch vor wenigen Generationen das Leben prägte. Ausgerechnet ein Zoo vermittelt in Kanada das Gefühl von Wildnis und eine Fabriksiedlung wirbt mit einem Wannenbad wie zu Großmutters Zeiten.

Tatsächlich fuhr in Val-Jalbert nie eine Straßenbahn. Aber nicht alle Besucher von heute sind so gut zu Fuß.

Drüben bei den Amurtigern, den Japanmakaken oder vor dem Schwimmbecken von Eisbärendame Asiaqvaq hatte alles noch gewirkt wie in einem modernen Zoo: Tiere in großen Freigehegen mit Spielgeräten hinter Gräben und Panoramascheiben gibt es dort zu bewundern. Doch jetzt beginnt eine völlig andere Geschichte: „Abenteuer im Land des Karibus“ nennen sie im „Zoo sauvage“ in der ostkanadischen Gemeinde Saint Félicien das Erlebnisprogramm, bei dem aufgeschlossene Besucher für einen Tag die Zoo-Barrieren vergessen sollen. Morgens um elf geht es los. Maximal ein Dutzend Personen brechen von einem Profi begleitet auf in die Wildnis. Auf verschlungenen Sträßchen geht es hinein in die borealen Nadelwälder, die hier im Norden Québecs natürlicherweise heimisch sind. Bald taucht eine Gruppe Wapiti-Hirsche äsend zwischen den Bäumen auf. Einen Kilometer weiter öffnet sich die Landschaft zu einem weiten Grasland rund um den Lac Montagnais. Büffel grasen hier im Regen, Kanadagänse watscheln am Ufer entlang und aus einer Senke am Straßenrand blickt ein zotteliger Schwarzbär faul und triefnass in die Kameralinsen. An den Hängen des Mount Keewatinook kann man mit dem Feldstecher in der Ferne sogar einige Moschusochsen ausmachen.

Natürlich ist das Ambiente allerdings so wenig wie der windschiefe „Trading Post“ oder das Holzfäller-Camp, in dem die Besucher bereits erwartet werden. Zoodirektorin Lauraine Gagnon schickt sie von hier aus zunächst auf einen Spaziergang in den Wald. Anschließend geht es mit Kajaks hinaus auf den See, in dem nachmittags gerne die Elche ein Bad nehmen. Abends trifft man sich dann zum frisch gegrillten Steak am Lagerfeuer, während rund um die Kolonisten-Zelte die Karibus grasen. Für das Wildwest-Abenteuer im Zoo lassen die Gäste gerne 300 Dollar springen. Dass das Gebiet rund um den riesigen Lac Saint-Jean längst von sechsspurigen Highways durchschnitten und von Getreidefarmern und Milchbauern praktisch komplett entwaldet wurde, gerät dabei für 26 Stunden in Vergessenheit. „Früher haben wir auch Giraffen, Elefanten und Schimpansen gezeigt“, sagt die Direktorin. 1960 hatte ihr Onkel, der ehemalige Dorfpolizist Ghislain Gagnon, mit fünf Mitstreitern den Zoo auf einer aufgegebenen Fuchsfarm gegründet. Schon bald kam der heute 4,5 Quadratkilometer große Naturpark hinzu – und um die Jahrtausendwende die größte Erkenntnis in der Zoogeschichte: „Unsere eigene authentische Natur ist für die Besucher heute mindestens so exotisch wie Elefanten“. Seither zeigt der Zoo nur noch Tiere aus nördlichen Breiten und inszeniert Naturerlebnisse, die Durchschnittsmenschen selbst in den Weiten Nordamerikas sonst nur noch mit großem Aufwand finden können. Dass die Grizzlydame im Freiland so schlecht sieht, dass sie nicht mal mehr einen der Präriehunde zu fassen kriegt und in der Wildnis längst verendet wäre, sieht man auf den Erinnerungsfotos ja nicht.