Kategorie: Türkei, Asien

Erst Tempelbauer, dann Ackerbauern

Von: Martin Wein

Lange, bevor die Menschheit in eigene feste Häuser zog, erbaute sie den Göttern erste steinerne Tempel. Weiß der Fuchs, worauf man vor 11 000 Jahren mit den Bauten vom Göbekli Tepe hoffte.

Abrahams Karpfenteich ist das spirituelle Zentrum in Sanurfa. Bei der Hitze im ostanatolischen Sommer ist das Bassin aber zugleich ein beliebtes Ausflugsziel.

Göbekli Tepe? Klar weiß er, wo das ist. Aber die anderen wissen es auch. Oder sie könnten es rausfinden. Eine heiße Diskussion entbrennt unter den Fahrern der Kleinbusse auf dem Busparkplatz von Sanurfa im Südosten der Türkei, dem alten Nordmesopotamien im Schatten des Taurus-Gebirges. Zum Glück gibt es ein Schattendach und Sesamkringel. Sollen die Männer in Ruhe diskutieren. Bei 40 Grad im Schatten sinkt europäischer Rigorismus ohnehin auf ein Minimum.

Mit dieser Taktik sitzen wir wenig später tatsächlich in einem Wagen. Türk-Pop dröhnt aus den Boxen, der Staub der verbrannten Harranebene zieht im Fahrtwind durch die offenen Fenster. Dann eine Vollbremsung im Nirgendwo. Der Fahrer zückt sein Mobiltelefon. Man könne ja sonst gar nichts verstehen bei der lauten Musik, gibt er zu verstehen. Soll doch einer wissen, wo dieser seltsame Hügel ist, den die Deutschen suchen.

Göbekli Tepe kann warten. Seit mindestens 11 000 Jahren wird der „Berg mit Nabel“ von Menschen aufgesucht. Da kommt es auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an. Schließlich dann ein winziges Holzschild da, wo in wenigen Jahren vermutlich Budengassen fliegender Händler, Restaurants und Busparkplätze entstehen dürften. Göbekli Tepe gilt momentan als ältester Kultbau der Menschheit. Seine Ursprünge reichen wohl bis in die Altsteinzeit. Genaueres weiß man noch nicht. Doch der unscheinbare Hügel zwingt Archäologen und Religionswissenschaftler vermutlich, ihr betuliches Bild vom Beginn der Zivilisation und Religion auf den Schutthaufen der Forschungsgeschichte zu werfen.

Im flirrenden Licht der Mittagssonne kann man zwischen Braun und Braun zunächst kaum unterscheiden. Ein Haufen behauener Steine scheint sich hier hinter dem Gitterzaun aufzutürmen. Das glaubte auch die Wissenschaft lange, die Göbekli Tepe seit 1960 als archäologischen Fundplatz kannte. Erst seit 1995 graben hier das Museum Sanurfa und das Deutsche Archäologische Institut unter Leitung von Prof. Dr. Klaus Schmidt aus Tübingen systematisch. Inzwischen kamen vier ringförmige Strukturen zutage, die bislang weltweit ihresgleichen suchen. Mindestens 16 weitere stecken noch in der Erde. Auf t-förmigen Pfeilern, einige sind drei Meter hoch und erinnern mit ihren gestreckten Armen frappierend an das ostdeutsche Ampelmännchen, haben die Erbauer sorgsam filigrane Reliefs von Stieren, Kranichen, Schlangen und immer wieder Füchsen aus dem Stein gemeißelt. Während die übrigen Tiere soweit erkennbar männlich sind, wurde dem Fuchs eine solche Zuweisung verwehrt. Statt eines Geschlechtsteils sind Schlangenleiber zu erkennen. Spekulationen gibt es viele: Wollte man schlicht Platz sparen? „Vielleicht handelt es sich hier erstmals um einen weiblichen Fuchs, der dann möglicherweise die Schlangen gebiert“, mutmaßt Schmidt. Von Wohnhäusern oder gar einer Stadt ist jedenfalls weit und breit keine Spur.