Kategorie: Türkei, Asien

Erst Tempelbauer, dann Ackerbauern

Von: Martin Wein

Göbekli Tepe jedenfalls rückt den Beginn der Kulturgeschichte weit in die Vergangenheit zurück und straft unsere Fortschritts-Arroganz Lügen. Wer in den Steinzeitlern bislang recht grobschlächtige Gesellen sah, der sieht sich nun womöglich mit Abstraktionsleistungen höheren Grades konfrontiert. Die biblische Vertreibung aus dem Paradies, als Metapher für die Sesshaftwerdung gedeutet, verliert damit ihre Bedeutung als Anfangspunkt der Zivilisation. Der Kult als Erklärung für eine unerklärbare Welt war längst da, als die Ackerkrume unter den Pflug kam.

Das Bewusstsein für die Heiligkeit des Ortes blieb. Zwar wurden die letzten Steine auf dem Göbekli Tepe schon vor 10 000 Jahren aufgetürmt. Doch das nahe Urfa, in der Antike Edessa genannt, wurde später zum religiösen Zentrum an der Grenze zwischen antiker und persischer Welt. Der Apostel Thomas brachte angeblich den christlichen Glauben, bevor er weiter nach Indien zog. Die „Schule von Edessa“ galt jedenfalls schon im 2. Jahrhundert als prägende geistige Instanz des Christentums. In islamischer Tradition soll sogar Abraham in Edessa geboren worden sein. Sein heiliger Karpfenteich ist noch heute ein viel besuchtes Heiligtum. Der Legende nach wurde der zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte Prophet auf wundersame Weise von Gott gerettet. Das Feuer wurde zu Wasser, die Glut zu Karpfen. Vielleicht war es aber auch einfach die Hitze, die den Teich an sich zu einem Wunder werden ließ. Die Wurzeln der Religion sind eben unergründlich.