Kategorie: Europa

Portugal: Europas grüner Westen

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

São Miguel, die Hauptinsel des Azoren-Archipels weit draußen vor der Küste Portugals ist weit mehr als die Kanarischen Inseln ein subtropischer Garten mitten im Meer. Fast wie Hawaii – und auch die Ukulele stammt aus der Gegend.

Die Hauptinsel São Miguel ist üppig grün wie ein einziger Botanischer Garten.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts! Warum der Vulkanschlund im Westen der Azoren-Hauptinsel São Miguel Cete Cidades heißt – Sieben Städte – lässt sich nicht einmal erahnen. Feuchtwarmer Nebel wabert um die Köpfe der Wandergruppe, die sich über rutschige Pfade aufwärts schlängelt. Auch die beiden Kraterseen links und rechts, der eine vermeintlich blau, der andere grün, sind nicht zu sehen. Allenfalls die dichten Hortensienbüsche mit ihren wie zum Trotz himmelblauen Blüten tauchen aus dem weißen Wabern auf – wunderschön und doch eigentlich eine Landplage. Von wegen Azorenhoch!

Wer den Archipel am äußersten Westrand Europas mit dem gleichnamigen Hochdruckgebiet, das seinen Ursprung ein ganzes Stück weiter südlich hat, assoziiert und auf knackige Urlaubsbräune hofft, der sollte seine Ferien lieber im Solarium verbringen. Man muss sich nur klar machen, wo man hier ist, um den Irrtum zu begreifen. Fast 1400 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der Hauptinsel und dem europäischen Festland, 4300 Kilometer sind es bis zum US-Bundesstaat Virginia. Genau hier mitten im Atlantik haben Kräfte aus dem Erdinneren an den Grenzen der Afrikanischen, der Europäischen und der Nordamerikanischen Platte auf dem Mittelatlantischen Rücken die Vulkaninseln bis zu 2350 Meter in den Himmel wachsen lassen. Dort dienen sie als Wolkenfänger und sorgen für üppige Niederschläge von bis zu 5000 Millimetern im Jahr – so viel wie in Südostasien.

Aber es gibt auch zwei gute Nachrichten: Erstens treibt der ständige Wind die Wolken meistens schnell wieder fort und verringert den Niederschlag unten an den Küsten auf Werte, wie sie auch im Köln üblich sind. Zweitens lässt der Wasserreichtum die Inseln ganzjährig ergrünen wie einen Botanischen Garten. Die ersten Einwanderer, die als Seefahrer unterwegs waren, haben das schnell erkannt und nicht nur Garten-Hortensien aus Japan, sondern auch Ingwergewächse aus dem Himalaja, Kap-Margeriten aus Südafrika und Australische Klebsame eingeführt. Inzwischen wirkt die ganze Insel wie ein englischer Landschaftsgarten auf einer der asiatischen hill stations der Kolonialherren. Sogar zwei Teeplantagen vervollständigen diesen Eindruck. Die eher farblosen endemischen Lorbeerwälder hatten das Nachsehen.

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