Kategorie: Frankreich, Europa

Frankreich: Am Fluss der Sonne entgegen

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Gutes Essen, Kultur und Industrie prägen dann auch bis heute das Leben in der drittgrößten Stadt des Landes. Der Weg hinaus führt deshalb wenig erbaulich durch die Anlagen der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Doch nur 30 Kilometer südlich entschädigt Vienne mit gemütlichem Kleinstadtcharme. Hier haben sich zahlreiche römische Bodenmosaiken im Gallo-Römischen Museum und ein Tempel für den Kaiserkult mitten im Zentrum hervorragend erhalten. Am Standrand schieben sich die Weinberge der begehrten Côte-Rôtie fast bis ans Flussufer hinab. Später wechseln sich Rebstöcke mit Aprikosen- und Kirschbäumen ab, deren Früchte im Sommer weithin leuchten. Nächstes größeres Etappenziel ist kurz vor Valence Tournon sur Rhône mit seiner mächtigen Burg, den verwinkelten Gassen und der hübschen Brücke über den Fluss. Am rechten Flussufer kann man sich in Tain l’Ermitage beim Edel-Chocolatier Valrhona in der Cité du Chocolat stärken. Alle Sorten gibt es hier zum Kosten - bis hin zum bitteren Rachenputzer mit 84 Prozent Kakao-Anteil. Besonderer Clou ist die „blonde“ Weiße mit karamelligem Einschlag. Sie entstand 2007 durch Zufall, als ein Chocolatier einen Topf weißer Schoki versehentlich auf dem Herd vergas. Wer möchte, der kann von Tournon auch mit einem Glas Wein in der Hand ein Stück mit einem nachgebauten historischen hölzernen Flussschiff fahren. Diese Sapine transportiert ein Dutzend Passagiere samt Rädern.

Bei Viviers, bereits im Département Arèche gelegen, freut sich, wer ein E-Bike unter dem Sattel hat. Dann lohnt sich ein Abstecher über Kopfsteinpflastergässchen hoch in das mittelalterliche Zentrum der alten Bischofsstadt. Von einem Plateau aus zeigt sich, wie die Cevennen und die Ausläufer des Mont Ventoux die Rhône hier in ihren Lauf zwingen. „Hier beginnt der Süden“, sagt Winzer Raphael Pourmier, der ein Stück weiter flussabwärts das Bio-Weingut Notre Dame de Cousignac von seinen Eltern übernommen hat. Begeistert erzählt er vom Terroir der Gegend, die nun endgültig mehr dem Mittelmeer zuneigt als dem Alpenraum. Und überhaupt: „Ist Wein nicht die erste Social-Media-Erfindung der Menschheit?“ Auf der Terrasse seines Gästehauses mit fünf Fremdenzimmern umgeben von Aprikosen, Avocados und Kirschen kann man es ausprobieren. Nur die Kühltürme des Atomkraftwerks am Horizont passen nicht in die Idylle.