Kategorie: Europa

Georgien: Der lange Weg nach Stepansminda

Von: Martin Wein (Text+ Fotos)

Georgien möchte sich wieder zum Italien des Ostens entwickeln. Hinter restaurierten Stuckfassaden, auflebender Orthodoxie und üppigen Weinfeldern wartet trotzdem noch manch kleines Abenteuer.

Wie ein Adlerhorst thront die Kirche von Stepansminda im Großén Kaukasus.

Der Taxifahrer grinst und drückt aufs Gaspedal. Im dichten Feierabendverkehr auf dem Rustaveli-Boulevard ziehen am Fenster die Prachtbauten des 19. Jahrhunderts vorüber, die Besucher von Georgiens Hauptstadt Tiflis einst als „Paris des Ostens“ schwärmen ließen. Man erkennt das gelb-rote neomaurische Opernhaus, den Freiheitsplatz mit dem goldenen Georg, der ziemlich bald nach der Wende den alten Lenin ablöste, oder auch das nicht ganz so alte, aber nicht minder pompöse Biltmore-Hotel. Die Luxusherberge ist ein besonders augenfälliges Beispiel der neuen Zeit. In dem Gebäude residierte bis zum Ende der Sowjetunion das Institut für Marxismus und Leninismus.

Wer genau hinsehen würde, der könnte an einigen Bauten noch Einschusslöcher aus dem georgischen Unabhängigkeitskrieg von 1991 entdecken. Doch sonst ist das Zentrum der Millionenstadt im Tal der Kura aufgeräumt und mit der elegant geschwungenen postmodernen Friedensbrücke und den zwei nie fertiggestellten Veranstaltungssälen in Form von Kanonenrohren auch im 21. Jahrhundert angekommen. Hippe Bars mit Loungemöbeln auf den Trottoirs, 24 Stunden lang geöffnete Thermalbäder mit Einzelwannen und privaten Pools und originelle Galerien in den Seitengassen der Altstadt machen einen geschäftigen Eindruck.

Das Bild einer aufstrebenden Metropole europäischen Zuschnitts ist hier mitten im Kaukasus an der Schnittstelle zwischen Asien und Europa indessen nur die eine Seite einer vielschichtigen Wahrheit. Und der Taxifahrer – ohne Lizenz aus einem Dorf der Umgebung in die Stadt gekommen – stellt das gleich mal unter Beweis. Vom Nationalmuseum, wo man doch eigentlich hinwollte, hat er plötzlich noch nie gehört. Fröhlich zuckt er die Schultern und rast weiter. Englisch spricht er nicht. Aber wer lang genug suche, der werde schon sein Ziel finden, bedeutet er seinen Gästen mit wilden Gesten. Dann eine scharfe Kurve im Kreisverkehr vor dem neuen Radisson Hotel und die ganze Strecke retour. Wohl dem, der vorab einen Festpreis verhandelt hat.

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