Kategorie: Europa

Georgien: Der lange Weg nach Stepansminda

Von: Martin Wein (Text+ Fotos)

Im Nationalmuseum liegt Gold, viel Gold. Schwere Ketten für Männer, Totenmasken, Miniaturen von Löwen und Pferden. Schon zu den alten Griechen hatte sich der Wohlstand ihrer Zeitgenossen aus dem Osten herumgesprochen, die angeblich mit Widderfellen den Goldstaub aus den Flüssen von Kolchis fischten. So entstand die Legende vom Goldenen Vlies.

Spätestens im Kommunismus sowjetischer Prägung hat sie ihren Glanz verloren. Ein Georgier hat daran erheblichen Anteil: Josef Wissarionowitsch Dschughaschwili. 1878 wurde der Mann, der sich später Stalin nennen sollte, als Sohn eines Schuhmachers in einem geduckten Haus aus Feldsteinen geboren, das die Eltern sich mit der Vermieterin teilen mussten. Noch heute überdacht ein tempelartiger Bau in der Provinzstadt Gori eine Stunde westlich von Tiflis das Häuschen. Daneben wird der Diktator in einem Prunkbau sowjetischen Stils verehrt wie eh und je. „310 000 Besucher, darunter auch viele Deutsche, kommen im Jahr, obwohl es das Museum mit dem höchsten Eintritt des Landes ist“, staunt die Germanistin Sopho, die mangels Jobalternativen in der Verwaltung der Einrichtung arbeitet. Anders als die Mehrheit in Gori steht sie Stalin überaus kritisch. Sogar den eigenen Sohn habe der im Zweiten Weltkrieg geopfert, statt ihn gegen den deutschen General Paulus zu tauschen.

Inzwischen wurde die Ausstellung um einige wichtige Exponate ergänzt. Sopho zeigt ein Schreiben Lenins von 1922, der die Entfernung des Machthungrigen aus dem Politbüro forderte. Auch Fotos einiger Prominenter sind zu sehen, die zu den näherungsweise 643 000 Opfern des Diktators gehören. Spätestens wenn man vor dem Rondell mit der Totenmaske des von Windpocken gezeichneten Stalin steht, umweht einen dennoch der Ungeist einer schon fast vergessenen Epoche. Ein Museum als Mahnmal für einen totalitären Irrweg.