Kategorie: Europa

Georgien: Der lange Weg nach Stepansminda

Von: Martin Wein (Text+ Fotos)

Neli und Malchas Tatelischwili haben mit dem Aufbruch Georgiens in die Unabhängigkeit die alte Zeit möglichst schnell hinter sich gelassen. Die Philologin stand plötzlich auf der Straße und ein soziales Netz gab es nicht. Da die Kinder aus dem Haus waren, machte Neli sich kurzerhand als Pensionswirtin selbständig. Mit Improvisationstalent schob sie alte Betten in jedes verfügbare Zimmer, kaufte mobile Heizlüfter und briet Kartoffeln zum Frühstück. Malchas wollte von zahlenden Gästen zuerst nichts wissen. Doch schon bald schöpfte er eigenhändig frischen Rotwein aus der Kvevri-Amphore, die im Terrassenboden eingelassen ist – eine nur in Georgien übliche ganz eigene Form der Weinherstellung. Inzwischen hat das Ehepaar in Telawi, der Hauptstadt der Wein-Provinz Kachetien, ein ganzes Familienhotel aufgebaut. Trotzdem werden die zahlenden Gäste wie Freunde empfangen und erst nach vielen Trinksprüchen auf Gott und die Welt, den Frieden, die Frauen und die Liebe mit mancher Träne wieder verabschiedet. Das quietschende Bett und der krähende Hahn in der Nachbarschaft sind da schnell vergessen.

In der Nähe hat sich der Dortmunder Industrie-Manager Burkhard Schuchmann seinen Traum vom eigenen Weingut erfüllt. Weil in Spanien für ein paar Millionen nichts zu haben gewesen sei, habe er sich nach der Pensionierung 2006 von einem ehemaligen Mitarbeiter Georgien zeigen lassen, erzählt der mittlerweile 76-Jährige bei einem frisch entkorkten Glas Kazeteli in seinem eigenen Restaurant. Aus dem kleinen Weingut wurden gleich mal 100 Hektar. Fröhlich erzählt der Senior, wie er heute mit 60 Mitarbeitern bis zu zwei Millionen Flaschen abfüllt, aus dem Trester Schnaps brennt, aus den Kernen Traubenkernöl presst und die Reste als Mehl in der eigenen Bäckerei verbackt. Demnächst will er noch 25 Luxusvillen bauen lassen für reiche Russen mit Wellness-Ambitionen. Für all das hat er sogar die doppelte Staatsbürgerschaft angenommen, weil Ausländer kein Land erwerben dürfen. In Georgien gilt Schuchmann als leuchtendes Vorbild. Und seinen Wein schickt er zu Exil-Georgiern in die USA, nach Russland und neuerdings nach China.