Kategorie: Europa

Georgien: Der lange Weg nach Stepansminda

Von: Martin Wein (Text+ Fotos)

Neben dem Unternehmertum hat vor allem die orthodoxe Kirche in den letzten 30 Jahren wieder mächtig Boden gut gemacht. Viele der eindrucksvollen Kreuzkuppelkirchen auf Bergspornen und an anderen markanten Plätzen wurden wieder geweiht, Klöster neu gegründet, notwendigste Renovierungen vorgenommen. Die museale Aura ist gelebter Spiritualität gewichen. Selbst das spektakulär auf dem Steilhang Udabno über der Ebene Aserbaidschans gelegene Höhlenklöster Dawit Garetscha aus dem 6. Jahrhundert ist wieder im Besitz der Kirche.

Markantestes Beispiel ist indessen Stepanzminda ganz im Norden des Landes an der mittelalterlichen georgischen Heerstraße nur wenige Kilometer vor der russischen Grenze. In unzähligen Serpentinen und durch einspurige unbeleuchtete Tunnels führt die holprige Straße hier 160 Kilometer von Tiflis über den Kreuzpass hinauf. 400 Meter über dem Städtchen thront seit 600 Jahren die Dreifaltigkeitskirche auf einem Felsen. Die alte Seilbahn ist längst verschrottet. Wer nicht den Minibus vorzieht, der wandert auf traumhaften Pfaden bergan und steht am Ende fast im Angesicht des perfekt geformten Kasbek. Der über 5000 Meter hohe Bergkegel ist so auffällig, dass die Griechen den armen Prometheus an seine Hänge geschmiedet glaubten.

Auf dem Rückweg nach Tiflis wartet Pater Dawit im Kloster Jvari oberhalb der alten Hauptstadt Mzcheta auf Kundschaft. Mit 23 Jahren sei er 1992 Novize geworden, nachdem der Patriarch ihm bei einem Besuch in seinem Dorf ein winziges Ikonenbild geschenkt habe. Seine Eltern hätten sich zunächst nicht gefreut, aber die Mutter sei inzwischen selbst Nonne geworden. Mit der Orthodoxie nimmt es Dawit dennoch nicht zu genau. Beflissen sieht er darüber hinweg, wenn wieder eine Gruppe deutscher Touristinnen ohne Rock und Kopftuch in die Kirche eilt. Lange Jahre habe er selbst überlegt, ob er nicht doch eine Familie gründen solle, sagt der Mönch. Einigen Besucherinnen machte er entsprechende Angebote. Seit seinem Gelübde vor sieben Jahren flirtet Dawit nur noch zum Spaß mit Reiseleiterinnen. So bringt selbst ihm in seinem abgelegenen Kloster die Öffnung des Landes, das sich im Herbst als Partnerland der Frankfurter Buchmesse präsentiert und nur zu gerne Teil von NATO und EU würde, ein wenig Plaisir. Gottes Segen hat er dafür bestimmt.