Kategorie: USA, Nordamerika

Heißer Dampf und coole Ranger

Von: Martin Wein

Unter dem Yellowstone-Tal im Nordwesten der USA schlummert ein gewaltiger Vulkan in trügerischer Ruhe. Ein Ausbruch würde auch in Europa die Sonne verdunkeln – für drei Jahre.

Rund 1000 heiße Quellen sprudeln im Tal von Yellowstone. Cyanobakterien färben sie je nach Wassertemperatur in allen Farben des Regenbogens.

Gemütlich blubbert das „Dampfschiff“ vor sich hin, als könne es gleich zur beschaulichen Hafenrundfahrt ablegen. Weißer Dampf pafft in kleinen Stößen hinauf in den blauen Gebirgshimmel. Das brodelnde Wasser in den zwei engen Schächten pfeift wie ein alter Heizkörper. Das Bild trügt. Das „Dampfschiff“ ist eine heiße Thermalquelle und völlig unberechenbar. Bis zu 130 Meter schleudert der mächtigste Geysir der Welt seine Wasserfontäne in die Luft, im Abstand von vier Tagen oder auch 50 Jahren, zuletzt am 23. Mai 2005.

Kelly kann sich noch genau erinnern an diesen denkwürdigen Tag im Yellowstone Nationalpark, dem ältesten der Welt im Nordwesten der Vereinigten Staaten. „Ich war damals auch hier draußen“, sagt die resolute Park-Rangerin und setzt den Rucksack auf die hölzerne Aussichtsplattform, denn diese Geschichte erzählt sie sichtlich gerne. „Es war nichts zu merken. Frühlingsstimmung im Park. Ich drehte mich gerade zum Gehen, da fauchte es plötzlich, als würde ich von einer Dampfwalze überfahren. Und natürlich hatte ich gerade an diesem Tag keine Kamera dabei.“ Immerhin rief sie Parkfotograf Jim Peaco herbei, der den Ausbruch filmen konnte.

Auch wenn andere Geysire, allen voran der Touristenmagnet „Old Fathful“, sich mit ihren Ausbrüchen an gedruckte Zeitpläne halten – die Natur im Yellowstone-Becken ist unberechenbar. Zum Problem wird sie derzeit nur, wenn starrsinnige Bisons auf den Parkstraßen für Verkehrsstaus unter den 2,8 Millionen Besuchern im Jahr sorgen oder der Wind über den weitläufigen heißen Thermalpools unvorsichtigen Amerikanern die Baseballcaps vom Kopf fegt. Doch mancher ängstliche Gast würde sich nicht auf den überfüllten Campingplätzen drängeln, wenn er wüsste, was unter seinen Füßen liegt: die größte bekannte Gefahr für eine weltweite Naturkatastrophe.