Kategorie: Ägypten, Afrika

Ägypten: Im Bann der Weißen Wüste

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Ägyptens westliche Wüste ist scheinbar staubtrockenes Niemandsland zwischen dem Nil und der libyschen Grenze. Doch ihre Oasen gehörten schon zum Herrschaftsgebiet der antiken Dynastien. Draußen auf den Ebenen schmirgelten Wind und Sand schmirgelten Kreide und Kalkblöcke zu einem natürlichen Skulpturenpark. Eine Campingtour in die seit zehn Jahren als Nationalpark geschützte Weiße Wüste wird zum gefahrlosen Offroad-Abenteuer.

Sandstürme haben viele Kreidefelsen zu runden Kugeln auf dünnem Stil abgeschmirgelt.

"Dann schick ich euch mal in die Wüste“, sagt die Bekannte in Kairo mit ungewolltem Pathos, als um Punkt sieben Uhr morgens ein alter grauer Mercedes vorfährt. Al Cahira – „Die Starke“ – ist gerade am Erwachen, als wir durch den Großraum mit seinen wohl mehr als 14 Millionen Menschen und über die gewaltige Nilbrücke möglichst schnell den westlichen Vororten zustreben. Nicht am großen Fluss mit seinen Tempeln und Königsgräbern wollen wir diesmal Ägypten bereisen. Ziel ist Ägyptens weiter Westen, die selten besuchte Libysche Wüste. Dazu haben wir uns mit Issam verabredet, einem dunkeläutigen Nubier aus dem Süden. Er kennt sich auch abseits der Straßen aus und besorgt die nötigen Papiere.
Nur die erste Etappe fahren geht es über Asphalt – 370 Kilometer in einem weiten Bogen im gecharterten Mercedes samt Fahrer auf der alten Militärstraße bis in die Oase Baharija. Vier Stunden durch absolute Einöde, flach bis zum Horizont. Auf halben Weg liegt an einem Kontrollposten ein zugiger Betonklotz als Raststation. Der Chauffeur schaufelt mit Fetzen vom Fladenbrot Bohnenpaste und gekochte Eier in sich hinein. Wir kaufen Kekse und trinken übersüßten Tee.
Nachmittags ein erstaunlicher Wandel: In einer breiten Talsenke bringen zahlreiche Mineralquellen die Wüste zum Grünen. 150 000 Dattelpalmen sollen im Tal von Baharija wachsen, dazu Olivenbäume, Bananenstauden und Zitrusfrüchte. Anders als früher gedacht nutzten schon die alten Ägypter die Oase nicht nur als Durchgangsstation. 1996 entdeckten Archäologen um den umtriebigen Chef der ägyptischen Antiken-Verwaltung, Zahi Hawass, einen Friedhof aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus, in dem 10 000 mumifizierte Leichen bestattet worden sein sollen. Doch es ist nicht ihre Zahl, die verblüffte. Viele Mumien wurden kunstvoll vergoldet und mit wertvollen Steinen geschmückt. Im kleinen Museum im Hauptort Bawiti zeigt Issam einige Beispiele. Auf einer schmalen Leiter geht es dann hinab ins Grab des Djed-Amun-ef-anch aus der 26. Dynastie. Welch ein Erstaunen: Selbst im Schein von Issams schwacher Taschenlampe leuchten die bemalten Wandreliefs aus dem ägyptischen Totenbuch so farbenfroh und naturalistisch wie in den berühmten Königsgräbern von Theben. Mit einem ausgeklügelten System von Wasserdepots in Tonkrügen machten die Ägypter den Weg durch die Wüste möglich.
Respekt dafür kommt am nächsten Morgen auf. Nach einem entspannten heißen Bad mit Einheimischen in einer improvisierten Badestelle umfängt uns die Wüste auf der Weiterfahrt nach Süden. Hohe gerippte Sanddünen schieben sich goldgelb ins Bild, dann wieder mit Wüstenlack schwarz überzogene Zeugenberge. Wie eine aufgebrochene Kristallknolle liegt schließlich der markante Kristallberg links der Route. Hier beginnt die Weiße Wüste, deren blendend weiße Kalkfelsen in der Mittagssonne jeden Kontrast verschlucken. Doch jetzt im späten Licht des Nachmittags erstrahlen die Reste kreidezeitlicher Meereslebewesen in milden Pastelltönen.
In Baharija haben wir den Mercedes mit einem Geländewagen getauscht. Mit ihm fahren wir auf präparierten Pisten in diese einmalige Landschaft hinein. Seit etwa zwei Jahrzehnten zieht das Gebiet vor allem im Winter geschätzt 50 000 Wüstenfans aus aller Welt und Ausflügler aus Kairo an. Die Regierung hat deshalb 2002 einen Nationalpark proklamiert und Tracks und feste Campingflächen ausgewiesen. Auf der riesigen Fläche von 100 mal 50 Kilometern erlebt trotzdem jeder sein ganz persönliches Wüstenabenteuer.
Während wir staunend zusehen, wie die Sonne binnen Minuten tiefgelb förmlich vom Himmel fällt, schlagen Issam und unser Fahrer das Lager auf. Ein massiver Windschutz aus Holzpfosten und schweren Teppichen soll der Kälte trotzen. Bald kocht der ägyptische Tee im rußgeschwärzten Kessel über dem Lagerfeuer. Auf alten Matratzen lagernd, immer die Füße weg vom Essen gestreckt, genießen wir dünne Nudelsuppe, frisch gegrilltes Huhn mit Salat und Reis und süße Datteln zum Dessert, bevor die Kälte der sternklaren Nacht in die Schlafsäcke zwingt.
Noch vor dem Frühstück die erste Wanderung im Morgenlicht. Phantastische Skulpturen hat die Erosion in der Weißen Wüste geschaffen. Wie in einem Museum liegen sie alle paar Dutzend Meter verstreut, flache Kegel und spitze Zuckerhüte, breite Kalkpilze auf schmalem Stil und runde Kreidekugeln auf filigranen Sockeln. Ein bekanntes Gebilde erinnert von einer Seite an einen sitzenden Hund, andere an Bienenkörbe oder Marmortische. Hinter einem weiteren Felsen lagern ein paar Kamele in der Morgensonne und warten auf ihre zahlenden Reiter. Während die europäischen und amerikanischen Touristen sich an der Wüste nicht satt sehen können, zieht es die Ägypter ins Grüne. Drei Quellen speisen in der Weßen Wüste winzige Oasen. So trotzt auf einer kleinen Anhöhe mitten im Nichts eine prächtige Nilakazie der flirrenden Mittagshitze. So frappierend ist ihr Anblick, dass sie den Ägyptern als heiliger Baum gilt. Nur wenige Kilometer weiter bietet die Quelle Ain Khadra Reisenden aus aller Herren Ländern so wenig Schatten, dass man auf den ausgebreiteten Decken dicht zusammenrückt.
Zum Abschluss der Wüstenerfahrung geht es am Nordeingang des Parks in das Tal El Akabat. Dutzende rund geschliffene Sandsteinkuppen ragen in dieser Talsenke turmhoch aus dem losen Sand. Eine Landschaft so urwüchsig und zugleich filigran, wie man sie sonst nur mit erheblichen Mühen im Zentrum der Sahara findet. „Die Überschwänglichen“ nannten die die Berber diese Kegel, wenn sie in alten Tagen mit ihren Karawanen hier durchzogen. In der mondlos finsteren Nacht am knisternden Feuer mit dem dampfenden Teebecher in Händen ist es fast wie damals. Wäre da nicht der Chauffeur mit seinem Kreditkartenlesegerät, der den Charterpreis kassiert.