Kategorie: Antarktis

Südgeorgien: Im Kindergarten der Könige

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Auf der Insel Südgeorgien brüten im Südsommer rund 400 000 Königspinguine. Berühmt machte die abgelegene Insel indes der Polarforscher Sir Ernest Shackleton. Eine Audienz bei den Königen und eine Reverenz am Grabe.

Dieses Feature wurde mit einem "Meridian" als eine der besten Auslands-Reisereportagen im Jahr 2009 ausgezeichnet.

Nach dem Lehrbuch leben Königspinguine in strenger Einehe. Aber wenn der Partner sich verspätet, halten sie sich nicht immer an die Vorgaben.

Majestäten sind „not amused“. Empört recken sie die Hälse und protestieren lauthals gegen den ungebetenen Besuch. Schon von weitem ist ihr kehliges Schnarren nicht zu überhören. Den Riesensturmvogel stört das nicht. Gemächlich gleitet er rund ums Tal, will Beute machen unter den flauschigen Königskindern.

Wir sind auf 54 Grad südlicher Breite, 36 Grad westlicher Länge. In Form einer Feder liegt hier die Insel Südgeorgien mitten im Südatlantik – 1400 Kilometer östlich Südamerikas, 1000 Kilometer nördlich der Antarktis. Zum Walfangen kam man im frühen 20. Jahrhundert hierher. Heute locken rund 400 000 Königspinguine ungleich weniger Naturliebhaber auf Expeditionsschiffen und Segeljachten auf diesen letzten Außenposten des britischen Königreichs. Nirgendwo sonst bitten die Könige unter den Frackträgern so majestätisch zur Audienz.

Zehntausende Pinguine kommen jeden Südsommer auch in die malerische Fortuna Bay zwischen zwei Gletschern an der Nordküste. Der Name täuscht: Die Bucht heißt nach dem ersten Schiff, das hier strandete. Der Steuermann war beim Lesen eines Briefes aus der fernen Heimat so ergriffen, dass er nicht nach vorne sah.

Nur mit dem Schlauchboot kann man den felsigen Kiesstrand erreichen. In Gummistiefeln geht es einen guten Kilometer landeinwärts. Junge Pelzrobben liegen zu Hunderten in der frühen Morgensonne und glotzen mit ihrem Dackelblick, als hofften sie darauf, dass jemand mit ihnen spielt. Den großen Seeelefanten mit ihren wulstigen Knubbelnasen geht man dagegen lieber aus dem Weg. Männchen schleppen bis zu dreieinhalb Tonnen Gewicht mit sich herum. Ein besonders stattliches Exemplar liegt rülpsend mitten im Weg. Dr. Ian Stone, polarerfahrener Historiker von der Isle of Man, schiebt den Kerl mit einer Eisenstange behutsam zur Seite: „Wir haben ein Agreement. Er nervt nicht – und ich frage ihn dafür keine Geschichtsdaten ab“, scherzt er.

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