Kategorie: Nordamerika, Kanada

Kanada: "In Cod we trust"

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Die Küste Labradors war legendär für ihren Reichtum an Meeressäugern und Kabeljau. Erst kamen die Basken und schlachteten die Wale. Dann kamen die Briten und fischten den Kabeljau. Am Ende war das Meer leer. Vor 25 Jahren wurde Battle Harbour, der größte Stützpunkt zum Einpökeln, aufgegeben und zum Museum. Trotz Moratorium haben sich die Bestände bis heute nicht wirklich erholt.

Die Fischerei ist Geschichte. Die meisten Gebäude der einstigen Kabeljau-Hauptstadt Battle Harbour sind heute ein Museum.

Resolut zieht der Mann im gelben Ölzeug sein kleines Motorboot auf die Helling. Ein Traktor mit einer Seilwinde erledigt den Rest. Wie von selbst rutscht das Boot die hölzerne Rutschbahn hinauf aufs sichere Festland. Fischeridylle in Labrador, dem „großen Land“, wie sich Kanadas Nordosten wegen der unendlich scheinenden Waldgebiete selbst nennt. Das meiste Leben allerdings spielt sich seit jeher an der Atlantik-Küste statt. Grüne Netze, bunte Schwimmer, lustige Kutter und ein Alter im Ölzeug, der sich jetzt über eine weiße Kühlbox im Boot beugt. Was er gefangen habe, will der Reporter wissen, um etwas zu sagen. Der Mann im Ölzeug hebt seine Schirmmütze nicht einen Zentimeter. Eine dümmere Frage kann man ihm offenbar nicht stellen. „Cod!“, bescheidet er den Fragesteller so trotzig, dass sich jede weitere Frage erübrigt. Kabeljau – was sonst.

„In Cod we trust“ war für Jahrhunderte das Motto der Menschen auf der Insel Neufundland und in Labrador. Die stürmischen, felsigen Küsten waren zwar denkbar ungastlich. Aber sie waren legendär für ihren Reichtum an Meerestieren, die man als Geschenk Gottes nur aus dem Wasser zu heben brauchte. Eine ganze Ökonomie baute darauf auf:  Kaum hatte der Genuese Giovanni Caboto 1497 als erster Europäer nordamerikanisches Festland betreten und der Brteone Jaques Cartier drei Jahrzehnte später die ersten detaillierten Karten gezeichnet, folgten  geschäftstüchtige Basken auf der Suche nach dem Gold der Meere. Bald segelten jedes Frühjahr bis zu 30 baskische Galeonen mit jeweils 300 Tonnen Ladekapazität über den Atlantik gen Westen. An Bord waren keine Abenteurer und Entdecker, sondern nüchtern kalkulierende Geschäftsleute. Die Unternehmer charterten ein Schiff, heuerten Mannschaft und Arbeiter an und schlossen sogar eine Versicherung auf Schiff und Ladung ab. Fünf bis acht Wochen brauchten sie für die Überfahrt. In Red Bay an der Küste Labradors ankerten sie dann in einem der geschütztesten Häfen der Ostküste und setzten die ersten Saisonarbeiter der Neuzeit an Land. Heute ist Saddle Island, die winzige Insel mitten in der Bucht, ein einsamer Felsbrocken mit struppigem Grasbewuchs. Ein moderner Bohlenweg führt zu Ausblicken und historischen Landmarken. Im 16. Jahrhundert aber war die Bucht das erste Epizentrum einer aufblühenden Industrie in der Neuzeit. Bis zu 3000 Männer und wenige Frauen tummelten sich hier. In wendigen Schaluppen rückten sie den arglosen Walen auf ihrem Weg nach Norden auf den Blas und zogen die harpunierten Tiere in Saddle Island an Land. Hier wurden sie ausgenommen. In riesigen Kupferkesseln wurde der Blubber, das energiereiche Walfett, zu Lampenöl verkocht und in Eichenfässern nach Europa verschifft. 25 000 Nordkaper und Grönlandwale starben, schätzen Historiker. Manche zu gierige Crew wurde im Herbst vom Packeis überrascht und musste überwintern. 140 Gräber hat man auf dem Inselfriedhof gezählt. Trotzdem waren die Unternehmen hoch profitabel. Vor allem für die Schiffsausrüster, die den Löwenanteil kassierten. Doch auch die Mannschaften kamen gerne mit. Ein Drittel vom Erlös ging an sie.  

1

2

3

4

5

vor >