Kategorie: Europa

Irland: Gartenträume im Osten

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Hinter hohen Mauern und dichten Hecken verbergen sich an Irlands Ostküste wahre Gartenträume. Und die Gärtner sind immer gut für eine Geschichte

Das Gespenst einer Piraten eilt nachts mit Schlüsseln kimpernd durch Huntington Castle.

Weite Strände, wilde Klippen, wetterfeste Kühe – das ist Irland, wie es Heinrich Böll und Kerry Gold beschworen. Aber es gibt Überraschungen. Hinter hohen Mauern und dichten Hecken wachsen von den britischen Kolonial-Herren inspiriert und vom Golfstrom begünstigt wahre Gartenträume. Und hinter fast jedem Garten verbirgt sich eine gute Geschichte. Man mag dem Auge kaum trauen, aber im winzigen Küstenstädtchen Tramore posiert zum Beispiel eine Japanerin im rosa Kimono vor einem nachgebauten Shinto-Schrein. Zu drei Prozent sei sie irischer Abstammung, sagt die Schmuckdesignerin aus der Nähe von Tokio und hält grazil ihren gelben Sonnenschirm gegen das Licht.

Die Frau, die sich als Ajuko Moreya vorstellt, ist nicht zufällig nach Tramore gekommen. Sie ist den Spuren ihres Urgroßvaters gefolgt – von Tokio über New York, Lefkas und Dublin bis an die irische Ostküste. Diesem Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn, später bekannt auch als Koizumi Yakumo, hat die Stadt 2015 einen eigenen Gedenk-Garten gewidmet. Von einem mediterranen Ambiente mit einem knorrigen Olivenbaum mittendrin schlendert man durch amerikanische Gehölze und Präriegräser bis in den Fernen Osten mit Bonsai-Bäumen, Bambusstauden und Bogenbrücken. Alles Anspielungen auf Hearn, der 1850 als Sohn eines Iren und einer Griechin auf der Insel Lefkas zur Welt kam, in Tramore bei seiner Großtante aufwuchs und in der Bucht schwimmen lernte, in Cincinatti, New Orleans und New York Reporter wurde und schließlich als Korrespondent für „Harpers Weekly“ nach Japan ging, wo er englische Literatur lehrte und japanische Geistergeschichten aufschrieb. In Japan ist der Weltbürger bis heute eine bekannte Persönlichkeit, in Europa längst vergessen.

In Tramore hat Hearns Geschichte eine neue Japan-Begeisterung ausgelöst. Dutzende Freiwillige pflegen den Garten, führen Landsleute und Touristen aus Fernost, servieren Seegraswasser und grünen Tee. „Wir hatten eine öffentliche Grünfläche, die zum sozialen Brennpunkt geworden war“, erklärt Garten-Direktorin Agnes Aylwood. Nach der Umgestaltung hat die Stadt jetzt eine Attraktion mit 17 000 zahlenden Besuchern allein 2017.

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