
„Viel Wind, viel Schnee, viel Alkohol!“ Angela Mann hat ihre eigene Theorie, wie ihr Reporter-Kollege Mark Twain es als Journalist zu Weltruhm brachte. Wer den Mythos um den schon lange gar nicht mehr so wilden Westen der USA verstehen will, der muss Angela besuchen, oben in den Bergen Nevadas, wo es von allem dreien reichlich gibt.
Eine Anmeldung braucht es nicht. Einfach von der Spielerstadt Reno in zahlreichen Spitzkehren dem steilen Nevada-Highway 341 in die Berge östlich des Lake Tahoe folgen. Dort liegt, dicht an den Hang geschmiegt, Virginia City. Heute ist das ein Kaff mit kaum 3000 Einwohnern, nur im Sommer von Touristen wirklich belebt. Doch der Ort steht auf der Comstock Lode. Das ist eine der ergiebigsten Goldadern im amerikanischen Westen. Um 1870 war hier der Teufel los! 110 Saloons gab es und sicher 30 000 Digger. Tagsüber wurde gegraben, nachts wurde gezecht. Und der junge Samuel Langhorne Clemens, eben 27 Jahre alt und fürs Goldschürfen viel zu faul, becherte kräftig mit und brachte die gehörten Geschichten dann als Reporter scharf am Rande der Verleumdung im örtlichen „Territorial Enterprise“ unters Volk. Am 3. Februar 1863 legte er sich hier vorsichtshalber das Pseudonym Mark Twain zu. Das konnte aber nicht verhindern, dass er nach einem Streit Hals über Kopf die Stadt verlassen musste.
Heute erzählt Angela Mann die Geschichten aus Virginia City. Man findet sie in 66 North B Street, ein wenig hinter den schmucken Holzfassaden an der Hauptstraße. „Comstock Chronicle“ steht auf einem Holzschild über der Tür ihres niedrigen Holzhauses. Klingeln muss man nicht. Ehemann Richard sitzt abends gerne in seinen Westernstiefeln auf der Holzveranda, wenn der Wind nicht zu eisig um die Ecken pfeift. 40 Jahre lang war er Schriftsetzer, hat den ehrenwerten „Chronicle“ unten in San Francisco in Blei gesetzt. „Heute bin ich Verleger – und die Arbeit macht meine Frau“, strahlt er. Ein amerikanischer Traum.