Kategorie: Nevada, USA, Nordamerika

Mark Twain und die Manns

Von: Martin Wein

„Ja, die Redaktion bin ich“, flötet Angela Mann wenige Minuten später in ihrem Büro hinter der Veranda. Gerade redigiert sie die neue Ausgabe der Monopolpresse im County Storey, die noch am Abend in Druck geht. Sie schreibt Texte, macht Fotos, setzt Anzeigen und umbricht das ganze Blatt. Für einen Schwatz unter Kollegen ist trotzdem Zeit. Die großen Zeitungen unten in Reno und Carson City berichten kaum über dieses abgelegene County mit wenig mehr als 4000 Einwohnern, das jetzt im November schon in den ersten Schneefällen versinkt. Dafür lesen die dann umso eifriger den „Chronicle“. Tausend haben ein Abo. Und alte Einwohner lassen sich die Zeitung inzwischen in 26 Bundesstaaten nachsenden.

Von der Zeitungskrise in den USA wissen Angela und Richard nur aus dem riesigen Flatscreen, der selbstverständlich im Büro hängt. Nur sauberer Journalismus sei zukunftsfähig – und das Internet keine Lösung, glauben sie und wollen im Unterschied zu anderen Zwergzeitungen so lange wie möglich allein an der gedruckten Ausgabe festhalten. Zu viel werde ungeprüft kolportiert, sagt Angela, die früher bei großen Medien die Texte der Kollegen auf Stimmigkeit prüfte und Überschriften setzte. Für halbgare Nachrichten hätten Leser aber nichts übrig – schon gar kein Geld. Seit die 58-Jährige in der Stadt ist, hat „Gossip“ im „Chronicle“ keine Chance mehr. „Report the news, don’t make it“ ist ihr Credo – harte Nachrichten berichten, nicht sensationslüstern selbst etwas erfinden.

Wichtiger als der Fernseher ist deshalb der Polizeifunk, der im Hintergrund brabbelt. „Der Sheriff hat mir eine Liste aller Frequenzen gegeben“, sagt Angela beiläufig. Dass so etwas in Deutschland undenkbar ist, findet sie befremdend: „Wie soll man sich dann je ein eigenes Bild machen?“ Der „Sheriff’s Report“ füllt im „Chronicle“ eine ganze Seite. Die Trauerfeier für einen im Irak gefallenen GI, ein über die Klippe gestürzter Transporter oder Probleme mit der Wasserversorgung sind weitere Themen für sie. Eigens ins Archiv muss Richard, um die die Story über das örtliche Bordell zu holen. Nach dessen Schließung war Angela als erste mit der Kamera vor Ort. Und auch die Folgen des Goldrausches verschweigt sie nicht: „Die ganze Stadt ist mit Stollen untergraben. Beim nächsten schweren Erdbeben sitzen wir vielleicht alle ein paar Stockwerke tiefer.“