Kategorie: Mittel- & Südamerika

Martinique: Piraten, Rum und Sklaven

Von: Martin Wein (Text + Fotos)

Während auf anderen Inseln der Rum auch aus der überschüssigen Melasse gewonnen wird, kommt auf Martinique dazu nur der gepresste Zuckerrohrsaft in die Destillier-Kessel. Nur den lange gereiften alten Rum trinkt man pur. Sonst genießt man ihn als „kleinen“ Ti-Punch mit einem Stück Würfelzucker und Limette oder als Planteuer mit Fruchtsäften und Eis. In der Weihnachtszeit gibt es dann süßen „Shrubb“ mit starkem Orangenschalenaroma.

Die Habitation von Monsieur Clément indessen gehört heute einer Stiftung. Die erinnert mit der stillgelegten Fabrik, einem überraschend modernen Kunstmuseum und einem Skulpturenpfad im großen Garten auch an die Schattenseite der Plantagenwirtschaft – die Sklaverei. Schließlich hatten die weißen Kolonisten keine Lust, selbst auf den Feldern zu schuften. So bestellten sie Zwangsarbeiter aus Afrika wie Möbelstücke. Auf sechs hohen Säulen hat Christian Lapie zur Erinnerung daran im Garten der Habitation lose Köpfe drapiert in Erinnerung an diejenigen, die den weißen Sklavenhaltern zum Opfer fielen. Daneben gedeiht ein prächtiges junges Exemplar des Kapok-Baumes. Aufmüpfige Sklaven seien mit einem nassen Lederriemen an seinen Stamm gebunden worden, erzählt François. Wenn sich das Leder beim Trocknen zusammenzog, drückten sich die dicken kegelförmigen Stachel ins Fleisch der Gepeinigten. Und wer dennoch seinen eigenen Kopf haben wollte, der habe ihn oftmals wenig später ganz verloren – an einem der starken Äste des Zombie-Baumes nebenan baumelnd.

Lange hatte man sich auf Martinique um das unerfreuliche Kapitel gedrückt, lieber in der quirligen Inselhauptstadt Fort de France das mächtige Kastell präsentiert, das einst gegen die Engländer schützen sollte, die Patisserien und Cafés und die Statue der Joséphine de Tascher de la Pagerie. Die Tochter eines Plantagenbesitzers war zwar einst selbst mit Hilfe zweier Sklaven geflohen. Nachdem sie in Frankreich indessen als Ehefrau Napoleons Karriere gemacht hatte trat sie prompt für eine Wiedereinführung der Sklaverei ein.