„Du kannst es ja versuchen“, schrieb mir Horst Radmer, wie ich Mitglied des ADFC Wilhelmshaven, am 27. Juni eine E-Mail. Er startete zwei Tage später zur dritten Fahrt von „Baltic Cycle“, die, von dem litauischen Physik-Dozenten Sigitas Kaunas privat geleitet, von Kopenhagen um die Ostsee führen sollte.
Warum nicht? Ich packte mit Bedacht, aber nur ganz wenig ein, denn was kann auf einem Fahrrad schon transportieren? Die Tour „Around The Baltic Sea“ klang so verlockend abenteuerlich. Neun Länder, acht fremde Sprachen, acht verschiedene Währungen und ca. 4800 km in 71 Tagen. Sie führte von Kopenhagen über Rostock, Gdansk (Danzig), Kaliningrad (Königsberg), Litauen, Lettland und Estland ins Venedig des Nordens, St. Petersburg.
Da wollte ich immer schon mal hin, vor allem wegen der Eremitage, die ich auch im Nachhinein für eines der schönsten Museen der Welt halte. Ihr Besuch war mein Geburtstagsgeschenk für mich. Allerdings trafen wir hier schon zwei Tage früher ein und feierten meinen Geburtstag später an einem russischen See kurz vor der finnischen Grenze.
Für die zweimalige Einreise nach Russland mit dem Fahrrad benötigten wir neben einem Doppelvisum auch eine Sondererlaubnis, denn sonst reisen nur Autos über die Grenze. Deutsche Kennzeichen sieht man nur ganz vereinzelt. Russland ist von Individualtouristen noch nicht entdeckt, aber es lohnt sich.
Für mich machte die Fahrt durch den Osten den besonderen Reiz der Reise aus. Hier war ich noch nie und hatte durchaus Berührungsängste, auch wegen fehlender Sprachkenntnisse. Nachdem wir Danzig und in Braniewo Polen verlassen hatten, fuhr ich also allein los, Richtung Kaliningrad. Besonders an der Reise war, dass jeder nach dem von Sigitas gegen 8.00 Uhr mit einem kleinen Horn eingeleiteten „Map-Meeting,“ mit der von ihm vorgeschlagenen Tagesroute bekannt gemacht, allein ausschwärmte, um sich abends mit der Gruppe am Ziel wieder zu treffen. Da mussten wir Deutschen, vor allem in Russland, sowohl findig als auch mutig sein, zumal die Kopie unseres jeweiligen Kartenabschnitts nur kyrillische Ortsnamen enthielt, die keiner von uns lesen konnte, während unsere Freunde aus dem Osten damit meist keine Probleme hatten. Nun war ich also beim „Iwan“, wie mein Onkel Otto, Russland-Heimkehrer, immer zu sagen pflegt – und das sogar ohne Handy.