Kategorie: Europa, Kroatien

Kroatien: Neues Leben im Kaiserpalast

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Ein Spaziergang durch die enge Altstadt von Split wird zum Gang durch Jahrtausende – vom römischen Christenverfolger Diokletian bis zu den Verheerungen des jüngsten Bürgerkrieges. Und die Zukunft entsteht mittendrin.

Der Altstadtkern von Split duckt sich bis heute hinter den bis zu 18 Meter hohen Mauern des Diokletianpalastes.

Menschentrauben in Turnschuhen und Badelatschen drängen sich von der luftigen Promenade am Hafen von Split mit ihren Cafés, Dattelpalmen und Fährschiffen zu den vorgelagerten Inseln durch das beklemmend enge Seetor einige Stufen hinab in die Niederungen europäischer Geschichte. Dunkle Gewölbe tun sich auf, heute von Souvenirständen mit allerhand Häkeldeckchen, Postkarten und Plastikschrott eigentümlich erhellt. Es sind die alten Kellerräume des Diokletianpalastes, in der Spätantike vollgemüllt mit allerlei Gerümpel und ausgerechnet dadurch bis heute erhalten. Auf diesen Gewölben ruht die Altstadt von Split noch heute so wie Europa auf den Fundamenten der römischen Antike fußt.

Wenn nach ein paar Dutzend Metern ein Ausgang unter dem Peristyl innerhalb der Mauern wieder ans Tageslicht führt, brechen sich an diesem hellen Punkt die Wendungen in Europas Geschichte wie Licht in einem Prisma. Hier steht Suzanna Tabian und bringt die Farben zum Leuchten. Die 47-Jährige kennt diese Geschichte en detail, denn sie ist Teil von ihr. 1966 geboren, tobte die Kroatin als Kind durch die Gassen der beschaulichen Altstadt, erlebte deren Aufschwung als Touristenziel in den 80er-Jahren und die Luftalarme im Bürgerkrieg der 90er. Sie war Reporterin für den letzten Radiosender, der die Spliter mit Informationen versorgte, bevor die Sendeanlage zerstört wurde. Danach jobbte sie in einem Reisebüro – „Wir verkauften alles, nur keine Reisen“ –  lebte als Teil der „verlorenen Generation“ von diesem und jenem. 2012 sehen manche Bewohner in den Scharen Kreuzfahrttouristen schon die nächsten Belagerer und Suzanna Tabian hofft immer noch auf einen EU-Beitritt Kroatiens, damit auch die zerstörte Industrie irgendwann wieder eine Chance hat.

Doch sie beginnt ihre Erzählung viel früher, vor 1700 Jahren, als der ganz in der Nähe geborene römische Emporkömmling, spätere Kaiser und Reformator Diokletian sich hier an der Küste Dalmatiens auf freiem Feld seinen Altersruhesitz anlegen ließ. Eine gewaltige Anlage war das, 180 Meter lang und 215 Meter breit, umgeben von bis zu 18 Meter hohen Mauern. Ein Protzbau sondersgleichen, der dem Kaiser nachträglich nur verziehen sei, weil er als einziger der Antike nach 21 Jahren Regiment freiwillig die Macht abgab. Hier hinter dem Peristyl zog Diokletian sich zurück und genoss den Ruhestand. Heute zeigt ein Kaiser-Mime im Purpurmantel sich wieder sommers täglich dem gaffenden Touristenvolk. Leidlich Vermögende können nebenan im Hotel Vestibül in sieben dezent möblierten Designerzimmern im kleinsten Luxushotel Europas einchecken. Das Haus wurde diskret in die Palastmauern integriert.