Kategorie: New York, USA, Nordamerika

USA: New York durch die Hintertür

Von: Martin Wein (Text und Fotos)

Für die amerikanischste Stadt halten es die Europäer, für die europäischste die Amerikaner. Die New Yorker sprechen einfach vom lebenswertesten Fleckchen auf Erden, und zeigen stolz seine Vorzüge.

Unterwegs mit den Big Apple Greeters erlebt man New York aus der Sicht seiner Bewohner.

„Wir müssen uns beeilen. Es gibt viel zu sehen“, sagt Ruth Kasanga fröhlich und lotst ihre Gäste vom versteckten Hotel in einer ruhigen Seitenstraße durch den Morgentrubel auf dem Times Square. Noch schläfrig vom Jetlag schweift der Blick über die Leuchtreklamen, die im Dunst etwas blass und billig wirken. In der Fastfood-Filiale unter dem riesigen gelben „M“ verlangt ein Schild, die Kunden sollten ihre Mahlzeiten in höchstens 20 Minuten verschlingen. Fastfood eben! Auf den Trottoirs sind auch Businessmenschen in schwarzen Anzügen mit schneeweißen Sneakers unterwegs, um im Tempo der Metropole Schritt zu halten. Kolonnen gelber Taxen, zwischendurch eine weiße Strech-Limousine, schlängeln sich durch die verstopften Avenues.

Wer es eilig hat in New York, der hastet allerdings zu den unverkennbaren Metro-Schildern. Ein nicht abebbender Schwall von Menschen ergießt sich jetzt vor Dienstbeginn in den Büros hinab in den Untergrund unter dem Times Square. Es ist fast unmöglich, als Besucher vor den Netzplänen zu verharren und die beste Verbindung zu studieren.

Ruth aber kennt sich aus. Ihre rote Jacke ist im Gedränge zum Glück nicht zu übersehen. Stirnband und Handschuhe schützen gegen die Zugluft in den Straßenschluchten. Fotoapparat, Stadtplan, Pfefferminz und Metro-Tickets hat die 70-Jährige in der Tasche vor dem Bauch verstaut.

Als wir gemeinsam in die Metro nach Osten steigen, ist Zeit, sich vorzustellen. Ruth Kasanga ist eine der 400 „Big Apple Greeter“. In einem Dorf bei Pforzheim sei sie geboren worden, erzählt sie. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sie vor mehr als fünf Jahrzehnten in Bremerhaven an Bord eines Dampfers mit Ziel New York. Zurück nach Deutschland kam Ruth nie. „Das hat mich irgendwie nicht gereizt“. Aber sie wohnt im alten deutschen Borrough Yorkville, mitten in Manhattan. Außer der Metzgerei „Schaller & Weber“ und dem Restaurant „Heidelberg“ ist davon allerdings wenig geblieben.

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