Kategorie: New York, USA, Nordamerika

New York durch die Hintertür

Von: Martin Wein

„In Diamanten“ habe sie gearbeitet, verrät die Seniorin. Deshalb sei auch die kleine Wohnung mitten in der Stadt drin. Auch im Ruhestand möchte Ruth die quirlige Großstadt mit ihren kulturellen Möglichkeiten nicht missen. Mindestens einmal im Monat überzeugt sie seit fünf Jahren Besucher aus aller Welt von New Yorks Vorzügen.

Seit 1992 zeigen die „Big Apple Greeter“ Besuchern aus aller Welt ihre Stadt. Der Verein ist die sympathischste Art, sich ein Stückchen vom großen Apfel auf der Zunge zergehen zu lassen. 55 000 Geschäftsleute und Touristen nutzten bislang das Angebot. Wer sich mindestens zwei Wochen vor Anreise im Internet anmeldet, den begleitet ein „Big Apple Greeter“ einen halben Tag lang je nach Wahl durch Harlem oder die Bronx, durch Queens oder Brooklyn oder kreuz und quer durch Manhattan. Die Freiheitsstatue, die Wallstreet oder das Empire State Building findet jeder auch alleine oder auf einer kommerziellen Stadtrundfahrt. Schon größer ist die Scheu, das Angebot im Gemüseladen an der Ecke zu studieren oder einem Szenefriseur über die Schulter zu schauen. Eben solche Orte steuern die „Big Apple Greeter“ an. Sie sehen ihre Arbeit als New-York-Werbung von Mensch zu Mensch. Individualreisende sind deshalb willkommen bei den „Greeters“ oder kleine Gruppen bis acht Personen. Das Angebot ist ausgerechnet in der Kapitale der Hochfinanz vollständig unentgeltlich und ohne fadenscheinige Hintergedanken. Selbst die Metro-Tickets zahlt der Verein.

Eine gute Idee ist es, Ruth die Wahl des Rundgangs zu überlassen. Zielstrebig fährt sie mit uns hinaus nach Brooklyn, wo die Straßen sauber sind, die Backsteinhäuser niedrig und der Verkehrslärm erträglich ist. „Ein herrlicher Platz“, sagt die Wahl-New-Yorkerin und tritt auf die erhöhte Uferterrasse in Brooklyn Heights. Ein herrlicher Blick auf die Skyline Manhattans öffnet sich. Nur die Zwillingstürme des World Trade Centre fehlen im vertrauten Panorama. „Wir haben alle lange gebraucht, den 11. September 2001 zu verkraften“, sagt Ruth Kasanga. An jenem Tag war sie mit einem jungen Ehepaar aus Deutschland unterwegs. Mitten im Central Park hörten sie, dass die Türme eingestürzt waren und das Pentagon angegriffen wurde. „Das waren schreckliche Momente“, erinnert sie sich. „Was sollte ich den Leuten sagen. Ich musste dann leider die Leute im Stich lassen. Die Nachricht war einfach zu überwältigend.“